Alltagsradroute zwischen Steinebach und Weßling

Der Wirtschaftsweg zwischen Steinebach und Weßling ist eine Route des Alltagsradroutennetzes des Landkreises STA. Da es für diese Verbindung keine brauchbare Alternative gibt, ist sie der Kategorie „Hauptnetz” mit der zweithöchsten Netzbedeutung zugeordnet.

Wie die am Mittwoch dieser Woche fotografierten Bilder deutlich zeigen, ist diese sogenannte Alltagsradroute nach Schneefällen für Tage oder auch Wochen nicht mit dem Fahrrad befahrbar. Während das Kfz-Straßennetz völlig selbstverständlich mit gigantischem Aufwand schnee- und eisfrei gehalten wird, ist Winterdienst auf Wirtschaftswegen ohne befestigte Oberfläche schlichtweg nicht möglich. Dennoch wird im Maßnahmenkataster des Alltagsradroutennetzes für diesen und viele weitere derartige Wege keine Asphaltierung, sondern lediglich eine Verbesserung der unbefestigten Oberfläche vorgesehen – sie sind also mitnichten alltagstauglich und daran wird sich gemäß der aktuellen Planung auch nicht viel ändern.

Im letzten September hatte Dr. Harald Lossau, Gemeinderat der Gemeinde Wörthsee, einen Antrag zur Verbesserung der Radwege im Hauptnetz zwischen Weßling, Wörthsee und Seefeld gestellt. Darin wurde vorgeschlagen, die wichtigen Alltagsradrouten zwischen Steinebach und Weßling sowie zwischen Steinebach und Hechendorf mit einer Spritzdecke (Bitumen mit Split) zu versehen. Dieser Antrag fand aber nur im Gemeinderat Wörthsee eine Mehrheit. Der Weßlinger Gemeinderat lehnte einstimmig ab, weil er die Maßnahme als „nicht notwendig” erachtet und sich „nicht in vielen Kleinprojekten verzetteln” will. Daraufhin vertagte der Seefelder Gemeinderat seine Entscheidung auf unbestimmte Zeit.

Dieses Beispiel zeigt schmerzlich, dass es für die Asphaltierung von Wirtschaftswegen – und damit für die vollumfängliche Realisierung des Alltagsradroutennetzes STA – in der Regel keine politischen Mehrheiten gibt. Der größte Teil der Kommunalpolitiker entscheidet aus der Windschutzscheiben- und Freizeitradlerperspektive und kann die ganzjährige Nutzung von Fahrrädern als Alltagsverkehrsmittel auch außerhalb geschlossener Ortschaften nicht nachvollziehen. Dabei ist ärgerlich, dass keine Bemühungen aus dem Landratsamt erkennbar sind, ähnlich leidenschaftlich wie beim Linienbusverkehr zwischen den Kommunen zu vermitteln und sich für Maßnahmen für das Alltagsradroutennetz einzusetzen. Die Zertifizierung des Landkreises STA als Fahrradfreundliche Kommune verkommt zur Farce – und eine deutliche Erhöhung des Radverkehrsanteils im Rahmen einer überfälligen Verkehrswende bleibt Wunschdenken.

Nicht nur die anhaltende Marginalisierung des Alltagsradverkehrs steht der Umsetzung von interkommunalen Alltagsradverbindungen im Wege, sondern auch einige weitere schwer auflösbare Interessenlagen und Priorisierungen:

  • Naturschützer lehnen eine Flächenversiegelung für Radwege meist ab. Diese Haltung ist nur auf den ersten Blick nachvollziehbar, denn die Asphaltierung bestehender Wirtschaftswege ist nur ein minimaler Eingriff in die Natur, und letztlich führt die resultierende Verhinderung eines attraktiven Radroutennetzes zu Forderungen nach neuen Straßenbauprojekten mit meist unabwendbarer, massiver Naturzerstörung.
  • Grundstückseigentümer erklären sich nicht bereit Grund für den Bau von Radwegen zu verkaufen, weil sie den Kaufpreis als zu niedrig erachten oder sich eine Überschneidung mit bereits genutzten Flächen ergäbe. Nur für den Kfz-Straßenbau und außerhalb des Landkreises STA werden in solchen Fällen Enteigungsverfahren zur Wahrung der Interessen des Gemeinwesens eingeleitet.
  • Landwirte verhindern den Bau von Radwegen, um nicht für deren Reinigung infolge landwirtschaftlicher Verschmutzung verpflichtet zu werden.
  • Gemeinde- und Stadtverwaltungen sprechen sich gegen die Einführung von Alltagsradrouten auf ihrer Flur aus, um dort keinen Winterdienst leisten zu müssen.

Unter diesen Voraussetzungen besteht in absehbarer Zeit wenig Hoffnung auf die erfolgreiche Realisierung des geplanten Alltagsradroutennetzes. Bis ein entsprechender Bewusstseinswandel wie zum Beispiel in den Niederlanden stattfindet, wird sich die Mobilitätswende daher auf innerörtliche Radverkehrsprojekte konzentrieren.

Fotos: Rüdiger Knoblach

3 Gedanken zu „Alltagsradroute zwischen Steinebach und Weßling

  1. Helmut Böhm

    Die Begründung für den Beschluss des Gemeinderats Weßling ist nicht ganz korrekt:
    Der Gemeinderat sah die Notwendigkeit, das Radwegenetz im Landkreis auszubauen.
    Eine Asphaltierung mit einer Spritzdecke wurde als unzureichend gesehen, da dieser Belag in kürzester Zeit durch die landwirtschaftlichen Fahrzeuge inkl. Holztransporte wieder zerstört würde.
    Der Gemeinderat sprach sich dafür aus, den Weg in Zukunft besser instandzuhalten.

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    1. Gerhard Hippmann Beitragsautor

      Hallo Helmut,
      danke für Deine Hinweise. Hier soll allerdings nicht der Weßlinger Gemeinderat kritisiert werden, der kürzlich mit dem einstimmigen Beschluss für die Einrichtung zweier Fahrradstraßen eindrucksvoll bewiesen hat, dass ihm die Förderung des Radverkehrs ein wichtiges Anliegen ist. Es ist jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass das Projekt Alltagsradroutennetz mit der aktuellen Herangehensweise und Priorisierung nicht erfolgreich umsetzbar ist. Hier sehe ich in erster Linie die Radverkehrsverantwortlichen im Landratsamt in der Pflicht.

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  2. Sternenweg

    Liebe Radelfreunde, vielen Dank für Eure substantielle Darstellung. Ich schlage vor bei den Landkreis- und Gemeinderatsentscheidungen immer genau zu sagen, welche Abteilung, welche Fraktion und welche Person was entschieden hat. Und gegen diese meist Gleichen, die BremserInnen eine harte Gangart einzulegen.
    Mit BN wird gerade gesprochen. Sie haben die Botschaft, Auto ist dreckiger und lauter als Radel verstanden.
    Wir RadlerInnen sollten gemeinsam jeden Monat eine Demo auf einer fehlenden Alltagsradwegestrecke machen mit Party.
    Legaler Widerstand fehlt in unserem Landkreis. Besser sind die Birkenallee-DemonstrantInnen.
    Sportliche Grüße

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