Rückblick auf das sechste Jahr

Seit sechs Jahren setzt sich die Mobilitätswende für nachhaltige Mobilität in Weßling ein. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Projekte und Aktionen im Jahr 2018.

Fahrradstraßen

Das Jahr 2018 begann mit einer Sensation in der gemeindlichen Radverkehrspolitik. Am 23. Januar beschloss der Gemeinderat einstimmig die Einrichtung der von der Mobilitätswende vorgeschlagenen und vom Arbeitskreis mobil & lebenswert beantragten zwei Fahrradstraßen Bahnhof und Pfarrstadel. Diese Entscheidung ist nicht nur bemerkenswert, weil dadurch dem Radverkehr Vorrang vor dem Kfz-Verkehr gewährt wird, sondern insbesondere weil es sich dabei um strategisch wichtige Straßenzüge handelt.

Die darauf folgende Bearbeitung durch die Gemeindeverwaltung gab allerdings wenig Anlass zur Begeisterung. Obwohl wiederholte Prüfung durch die Untere Verkehrsbehörde im Landratsamt keine rechtlichen Einwände ergab, sind die Fahrradstraßen bis heute nicht realisiert worden. Es gibt sogar Bestrebungen, die Bahnhofstraße wegen geringer Fahrbahnbreite und Linienbusverkehr auszunehmen. Wir setzen uns für eine Eröffnung der beiden Fahrradstraßen im vollen Umfang im kommenden Frühling ein.

Fahrradabstellanlagen

In Weßling stellt die Erneuerung der Fahrradabstellanlagen am Bahnhof den wohl größtmöglichen Fortschritt auf dem Weg zur fahrradfreundlichen Gemeinde dar. Deshalb war die allerste Aktion der Mobilitätswende ein entsprechender Antrag bei der Bürgerversammlung am 17. Dezember 2012, der von den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern ohne Gegenstimmen angenommen wurde. Dennoch wurde das Projekt Jahr für Jahr verschoben, um die Maßnahme mit dem barrierefreien Umbau des Bahnhofs kombinieren zu können.

Anfang 2018 änderte sich die Situation grundlegend, weil bekannt wurde, dass der Umbau des Bahnhofs erst für das Jahr 2026 vorgesehen ist, und weil die staatliche Förderquote für Bike&Ride-Anlagen auf stolze 75 % erhöht wurde. Daher beschloss der AK mobil & lebenswert, nicht mehr länger zu warten und sich wenigstens für die Realisierung einer Übergangslösung einzusetzen. Dazu erarbeitete die Mobilitätswende Konzeptplanungen mit Kostenschätzungen in verschiedenen Varianten. Doch ähnlich wie bei den Fahrradstraßen konnte auch die Erneuerung der Abstellanlagen nicht erfolgreich zum Abschluss gebracht werden. In diesem Fall verhinderten Einwände des Ortsbildbeirats sowie die Konzentration der Kommunalpolitik auf die Verhinderung des AWISTA Müllzentrums in Hochstadt, dass ein entsprechender Antrag in den Gemeinderat eingebracht wurde. Für das kommende Jahr besteht immerhin Hoffnung, dass eine hochwertige überdachte Fahrradabstellanlage auf der Bahnhofsnordseite beantragt und realisiert wird.

Beschlossene Sache ist hingegen die Erweiterung der Fahrradabstellanlage des Weßlinger Schulhauses. Gemäß einer von der Mobilitätswende erarbeiteten Planung werden 12 überdachte Fahrradabstellplätze und 24 Rollerabstellplätze ergänzt. Die Fahrradparker im Wert von ca. 1000 € spendet erfreulicherweise UNSER DORF e.V. Einziger Wehrmutstropfen bei diesem Projekt sind die Diskussionen und das knappe Abstimmungsergebnis im Gemeinderat wegen zu hoch empfundener Kosten, obwohl die Bereitstellung überdachter Radlständer für Grundschulen eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Auch am Freizeitheim in Hochstadt setzte sich die Mobilitätswende für die Errichtung einer Fahrradabstellanlage ein, bisher leider noch nicht erfolgreich.

Rotmarkierte Fahrradfurten

Rotmarkierte Fahrradfurten sind eine weit verbreitete Maßnahme aus den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA) zur Erhöhung der Radverkehrssicherheit. Ähnlich wie bei Fußgängerüberwegen (Zebrastreifen) sprach sich die Untere Verkehrsbehörde des Landkreises STA in den vergangenen Jahren dennoch stets mit merkwürdigen Begründungen dagegen aus. Der Hartnäckigkeit unseres zweiten Bürgermeisters Michael Sturm ist zu verdanken, dass in diesem Sommer trotzdem drei der vier von der Mobilitätswende vorgeschlagenen Rotmarkierungen (Neuhochstadter Straße, Buchenweg, Aldi-Zufahrt) angebracht wurden. Nun fehlt nur noch die Furt über den Nelkenweg.

Bordsteinabsenkungen

Ebenfalls in diesem Sommer wurden drei Bordsteinabsenkungen aus der Liste der Mobilitätswende hergestellt. Die Absenkung beim Autohaus Widmann wurde verbreitert, und in der Schulstraße wurden beim Zugang zum Edeka sowie an der Kreuzung mit der Grünsinker Straße barrierefrei umgebaut. Wir hoffen, dass auch im kommenden Jahr einige Bordsteinabsenkungen realisiert werden.

Fairkehrsforum

Am 5. März organisierte die Mobilitätswende ein VCD Fairkehrsforum im Hotel Zur Post. Vor etwa 40 Gästen referierte und diskutierte Dr. Markus Büchler über Maßnahmen und existierende Beispiele für menschenfreundliche Mobilität – ein Thema, das offenbar immer mehr Menschen bewegt.

Critical Mass

Erstmalig trafen sich in diesem Jahr Radlerinnen und Radler in Weßling zur Critical Mass, um ein Zeichen für die Rückeroberung der Straßen zu setzen. Das gelang an fünf Freitagabenden mit bis zu 90 Teilnehmern sehr eindrucksvoll und stets gut gelaunt. So starken Zuspruch wünscht sich so manche Mittelstadt.

STAdtradeln

Beim diesjährigen STAdtradeln konnte – nicht zuletzt durch günstiges Wetter – der Abwärtstrend der letzten Jahre gestoppt werden. Dank starker Beteiligung durch Firmenteams fuhren 435 aktive Radlerinnen und Radler in 28 Teams mit 93.374 Kilometern sogar ein absolutes Rekordergebnis für Weßling ein.

Neben der Koordination auf Landkreis- und Gemeindeebene brachte sich die Mobilitätswende dieses Jahr auch durch einen Semmelservice mit dem Leihlastenpedelec LaRa 1 ein. In Kooperation mit der Gemeindeverwaltung und der Bäckerei Böck belieferte Gerhard Sailer an vier Samstagen Teamkapitäne sowie aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer frei Haus mit frischen Backwaren. Damit wurden nicht nur die STAdtradler motiviert, sondern gleichzeitig demonstriert, wie ein autofreier Lieferservice funktionieren und die Gemeinde lebenswerter machen kann.

Überörtliche Radwege

Für den Fuß- und Radverkehr stellt der Wirtschaftsweg zwischen Weßling und Steinebach die mit Abstand günstigste Verbindung dar. Alle möglichen Alternativen sind wegen großer Umwege und Höhenunterschiede inakzeptabel. Aufgrund seiner unbefestigten Oberfläche ist der Weg vor allem im Winter jedoch kaum mit dem Fahrrad befahrbar. Zusammen mit Radlaktivisten aus Wörthsee versucht die Mobilitätswende schon seit einiger Zeit erfolglos, die zuständigen Gemeinden dazu zu bewegen, den Weg für den Alltagsradverkehr zu ertüchtigen.

Auch zwischen Oberpfaffenhofen und Unterbrunn sowie zwischen Hochstadt und Unering fehlen sichere, alltagstaugliche Geh- und Radwege zu unseren Nachbargemeinden. Es besteht ein wenig Hoffnung, dass durch die angekündigte Bürgermeisterrunde zum Alltagsradroutennetz STA im kommenden Jahr Bewegung in die Herstellung überörtlicher Radwege kommt.

Sonstiges

Auch im diesem Jahr wirkte die Mobilitätswende in der Radl Werkstatt mit. Neben Reparatur und Aufbereitung von Fahrrädern wurde wieder ein Radlreparaturkurs für Kinder im Rahmen des Ferienprogramms der Nachbarschaftshilfe angeboten.

Außerdem bezog die Mobilitätswende mit einem Leserbrief zum Radwegmängelmeldesystem des Landratsamts, Stellungnahmen zur Weiterentwicklung des öffentlichen Personenverkehrs im Landkreis und zur Sanierung der Grünsinker Straße sowie durch Artikel in UNSER DORF heute Stellung zu aktuellen Entwicklungen in Sachen nachhaltige Mobilität.

Fortschritte ohne Mobilitätswende

Erfreulicherweise gab es im Jahr 2018 auch einige bemerkenswerte Fortschritte ohne aktive Beteiligung der Mobilitätswende: Die Landjugend baute in Oberpfaffenhofen ein hübsches Wartehäuschen für Busfahrgäste. Engagierten Eltern gelang es nach vielen Jahren endlich, eine Fußgängerampel über die Gautinger Straße in Oberpfaffenhofen durchzusetzen. Anwohner setzten sich erfolgreich für eine 30 Zone Max-Doerner-Weg/Gartenstraße ein. Und die Gemeindeverwaltung konnte mit Hilfe eines Verkehrsplaners erreichen, dass Tempo 30 auf der Hauptstraße auf den Abschnitt zwischen Max-Doerner-Weg und Gautinger Straße ausgeweitet wurde. Das sind schöne Erfolge, die hoffen lassen, dass sich menschen- und umweltfreundliche Mobilität in unserer Gemeinde zum Selbstläufer entwickelt.

Fazit

Im sechten Jahr der Mobilitätswende gab es einige Fortschritte, aber auch erfolglose Aktivitäten für nachhaltige Mobilität in der Gemeinde Weßling. Wenig Grund für Optimismus geben zahlreiche gigantische Straßenbauprojekte im Landkreis STA, die eine aus der Zeit gefallene Förderung des Kfz-Verkehrs darstellen. In Anbetracht dieser Dimensionen kämpfen ehrenamtlich arbeitende Vereine und Bürgerinitiativen gegen Windmühlen. Hoffnungsvoll stimmt hingegen die zunehmende Mitwirkung durch Bürgerinnen und Bürger bei Fairkehrsforum, Critical Mass, STAdtradeln und eigeninitiativen Aktivitäten. Anscheinend gelingt es einer wachsenden Minderheit in unserer Gemeinde, fossiles Denken zu überwinden – wir sind gespannt, was die Zukunft bringt.

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