Rückblick auf das 13. Jahr

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Aktivitäten im vergangenen Jahr 2025, dem 13. Jahr der Mobilitätswende.

Fahrradaktionen

Für die Radl Werkstatt war 2025 ein besonders produktives Jahr, denn die neuen Räumlichkeiten in der ehemaligen Grundschule Oberpfaffenhofen sind beheizt und mit guter Beleuchtung ausgestattet. So konnten im Winter mehr gespendete Fahrräder als sonst fahrtüchtig gemacht werden. Auch die Personalsituation war mit sechs ehrenamtlichen Schraubern besonders günstig. Am 6. August konnte im Rahmen des Ferienprogramms der Nachbarschaftshilfe wieder der Kurs Radl reparieren in der Radl Werkstatt angeboten und durchgeführt werden.

Am 12. April fand bei schönem Frühlingswetter der siebte Radltag der Nachbarschaftshilfe statt. Neben dem Radlflohmarkt als Hauptattraktion wurden wieder Radl Werkstatt, ADFC-Fahrradcodierung und Einweisungen für das Lastenpedelec LaRa 1 angeboten.

Vom 29. Juni bis 19. Juli nahm die Gemeinde Weßling zum 15. Mal am Stadtradeln teil. 324 Radler:innen in 18 Teams legten dabei 67.864 km zurück – wie schon im Vorjahr ein unterdurchschnittliches Ergebnis. Positiv stach allerdings erneut das Team der Grundschule Weßling mit 58 Radler:innen, 6.184 gefahrenen Kilometern und 830 Fahrten heraus.

In der Woche vor dem STAdtradeln-Aktionszeitraum gab es erstmalig in Weßling an drei Tagen morgens Fahrrad-Dankstellen: Bürgermeister Michi Sturm und Mobilitätsreferent Gerhard Hippmann bedankten sich am Bahnhof und an der Grundschule bei passierenden Radler:innen für ihre vorbildliche Verkehrsmittelwahl. Sie überreichten mobil & lebenswert Stofftaschen mit Brezen und kleinen Geschenken wie Fahrradflickzeug oder -glocken. Außerdem fand am 19. Juli – wiederum mit dem ersten Bürgermeister – eine Willkommensradltour für Neubürger:innen statt. Beide Aktionen fanden großen Zuspruch.

ÖPNV

Mit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember 2025 traten einige Änderungen bei den durch die Gemeinde Weßling verlaufenden Buslinien in Kraft. Insbesondere verkehrt die Expressbuslinie X910 von Großhadern nun einmal stündlich bis Geltendorf, und die Linie 921 fährt nicht mehr bis Weßling. Außerdem verkehrt die Linie 923 samstags nur noch im Zwei-Stunden-Takt.

Nachdem in 2024 acht der 13 Bushaltestellen im Gemeindegebiet mit Digitaler Fahrgast Information (DFI) im Format „Haltestellentasche“ ausgestattet worden waren, kamen im Herbst 2025 drei sogenannte „Bussteiganzeiger“ am Bahnhof hinzu. Diese zeigen nicht nur die Abfahrtszeiten von Bussen, sondern auch von S-Bahnen an.

Gemeindepolitik

Wie erwartet herrschte im Jahr 2025 in der gemeindlichen Verkehrspolitik weitgehend Stillstand, jedoch konnten eine Reihe von älteren Beschlüssen und Maßnahmen realisiert werden (siehe auch Referentenbericht Mobilität und Verkehr):

Außerdem fand am 25. Juni eine Sondersitzung zum Thema Radverkehrsförderung statt, bei der Dr. Ralf Kaulen vom Stadt- und Verkehrsplanungsbüro Kaulen wissenschaftlich und juristisch fundiert darlegte, warum die Förderung des Fuß- und Radverkehrs nicht nur zeitgemäß und sinnvoll, sondern aufgrund aktueller Gesetze und Richtlinien auch dringend geboten oder gar verpflichtend ist. Die anschließende Diskussion belegte dennoch das anhaltende Unverständnis einiger Gemeinderäte mit reiner Windschutzscheibenperspektive. Schließlich wurde mit 9:5 Stimmen der folgende Beschluss gefasst:

Grundsatzbeschluss zur Fuß- und Radverkehrsförderung in der Gemeinde Weßling

Fuß- und Radverkehr stellen die umweltfreundlichsten, klimaverträglichsten, günstigsten und gesündesten Fortbewegungsarten dar. Ein Ziel aus dem Leitbild der Gemeinde Weßling lautet daher „nichtmotorisierter Verkehr ist bevorzugt“. Mit diesem Grundsatzbeschluss soll die Förderung des Fuß- und Radverkehrs konkretisiert und verstetigt werden. Ziel ist es, Zufußgehen und Radfahren attraktiver und sicherer zu machen, um von den genannten Vorteilen zu profitieren.

Die Sicherung und Förderung des Fuß- und Radverkehrs erfolgt auf Grundlage der Straßenverkehrsordnung, des bayerischen Radgesetzes, der Regelwerke der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen sowie des Radverkehrshandbuchs „Radlland Bayern“.

Mit der Behindertenbeauftragten und der Radverkehrsbeauftragten des Landkreises sowie den Nachbargemeinden wird eine enge Abstimmung und Kooperation angestrebt. Außerdem werden Gemeindebürgerinnen und -bürger z. B. über den Arbeitskreis Klima und Energie eingebunden.

Für die Fußverkehrsförderung setzt sich die Gemeinde das Ziel, Aufenthaltsqualität, Sicherheit und Barrierefreiheit für Fußgängerinnen und Fußgänger jeden Alters wesentlich zu verbessern.

Für die Radverkehrsförderung setzt sich die Gemeinde das Ziel, als „fahrradfreundliche Gemeinde in Bayern“ ausgezeichnet zu werden. Im Modal Split soll der Radverkehrsanteil von 10 % (nach MiD 2017 für den Landkreis Starnberg) auf 15 % im Jahr 2030 gesteigert werden.

Auch die Neugestaltung eines ersten Teilbereichs der Hauptstraße, welche seit Anfang 2023 in insgesamt neun Gemeinderatssitzungen beraten worden war, wurde von einer starken Minderheit mit wechselnden Begründungen und erstaunlicher Vehemenz immer wieder torpediert. Dabei gelang es in einer Salamitaktik, die ursprünglich bezüglich Verkehrsberuhigung ambitionierte Planung schrittweise immer autogerechter zu machen. Die große Bedeutung des Projekts hinsichtlich Ortsentwicklung (städtebauliche Qualität, Klimaresilienz, Mobilitätsgerechtigkeit), aber auch Demokratie (Umsetzung der entscheidenden Maßnahmen des Bürgerentscheids 2012) geriet hingegen weitgehend aus dem Blick.

Sonstiges

Im Rahmen von Aktivitäten für betriebliches Mobilitätmanagement hatte sich die Gemeinde zusammen mit der ADAC Luftrettung, dem DLR, der Firma GMV, der VR-Bank Starnberg-Zugspitze, der gwt, der Lebenshilfe Starnberg, sowie der Stadt Starnberg und der Gemeinde Gilching am Mitfahrportal SAMi beteiligt, das im Mai 2023 startete. Allerdings musste das Projekt im Februar 2025 – noch bevor es sich etablieren konnte – unerwartet beendet werden, weil die als Grundlage verwendete twogo-App vom Hersteller eingestellt wurde.

Für die Dorfzeitschrift UNSER DORF heute trug die Mobilitätswende anlässlich des 15-jährigen Stadtradeln-Jubiläums den Artikel Radeln für ein besseres Klima bei. Außerdem wirkte sie in der neu gegründete IG Sichere Schulwege der Grundschule mit.

Fazit

Mit der seit Mai amtierenden neuen Bundesregierung haben sich die Randbedingungen für nachhaltige Mobilität noch weiter verschlechtert. Naive Technikgläubigkeit, unhinterfragter Wachstumsfetisch und grenzenlose Aufrüstung sind weder operativ noch mental mit einer Mobilitätswende vereinbar. Hinzu kommt das Festhalten an überholter, autogerechter Verkehrspolitik bei einem großen Teil des Gemeinderats. Unter diesen Vorzeichen kann die Bilanz des Jahres 2025 durchaus als kleiner Erfolg gewertet werden – die weiteren Aussichten sind allerdings eher düster.

Neujahrsvorsatz: Autofreie Tage sammeln

Hast du schon einen richtig guten Vorsatz für das Jahr 2026 gefasst? So einen Vorsatz, für dessen Verwirklichung es schon ein bisschen Ehrgeiz braucht, der aber auch ziemlich viel Spaß macht, mit dem du bei anderen manchmal Eindruck schindest und mindestens ebenso oft auf Unverständnis stößt, und der absolut nachhaltig ist, also sowohl seine Umsetzung, als auch, weil du ihn jedes Jahr wieder fassen kannst? Nein?

Dann nimm dir doch mal vor, das ganze Jahr lang möglichst viele autofreie Tage zu sammeln, also Tage, an denen dein Auto oder euer Familienauto nicht bewegt wird.

Grüner Punkt im Tagebuch für autofreien Tag

Wir haben diesen Vorsatz 2021 zum ersten Mal gefasst und unser damaliges Ziel 100 autofreie Tage ganz knapp übertroffen. Jeder Tag, an dem unser Auto stehen bleibt, bekommt im Tagebuch einen dicken grünen Punkt. Jeden Monat wird durchgezählt und am Jahresende aufaddiert. Von Jahr zu Jahr wurden wir besser und 2025 waren es genau 161 autofreie Tage!

In der Silvesternacht vor zwei Jahren erntete ich mit diesem Vorsatz folgenden Kommentar: „So ein blöder Vorsatz. Ich fahr doch eh elektrisch!“ Da war ich tatsächlich erst einmal sprachlos. Konnte es wirklich sein, dass man jemanden erklären muss, was so ein autofreier Tag alles bedeutet:

Als Allererstes: Ich muss mir Gedanken machen! Immer, wenn ich einen Weg ins Auge fasse, überlege ich, ob ich ihn zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn zurücklegen kann oder, ob es doch das Auto sein muss, weil jemand mitgenommen werden soll, etwas Schweres transportiert werden muss, die Strecke zu lang oder die Zeit, die zur Verfügung steht, zu kurz ist. Und wenn dann doch alles für das Auto spricht, geht das Überlegen erst richtig los: Muss das gleich sein, oder kann es bis morgen warten, wenn ich eh losfahren muss? Welche Besorgungen kann ich noch miterledigen? Ein Einkaufszettel, der laufend aktualisiert wird, liegt immer auf dem Küchentisch und über die WhatsApp-Gruppe „Gemeinsam einkaufen“ kann ich Tochter und Schwiegertochter anbieten, etwas mit zu besorgen oder anfragen, ob diese etwas für uns mitbringen können.

Als Zweites: Wir leben gesünder! Mit jeder vermiedenen Autofahrt gewinnen wir Zeit, um uns zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewegen, und selbst wenn wir mit Bus oder Bahn unterwegs sind kommt die körperliche Bewegung nicht zu kurz: Das Gehen zur Haltestelle, treppauf, treppab beim Umsteigen, der kurze „Spurt“, um den Anschluss zu erreichen und schließlich die letzten Meter zu Fuß zum Ziel.

Als Drittes: Nicht Auto fahren ist rücksichtsvoller! Wir setzen Mensch und Tier viel weniger einer Unfallgefahr aus, wir verursachen keinen zusätzlichen Lärm, wir setzen keine zusätzlichen Schadstoffe und keinen Feinstaub frei, wir verlängern keinen Stau, wir legen keine zusätzlichen Kilometer auf der Suche nach einem Parkplatz zurück und wir nehmen keinen öffentlichen Raum in Anspruch um unser Auto zu parken.

Als Viertes: Wir verbrauchen keine zusätzlichen Ressourcen! Auch ein e-Auto braucht Energie, die nicht immer regenerativ erzeugt wird und damit nicht genug: Je weniger wir unser Auto bewegen, umso länger hält es – wir brauchen weniger Ersatzteile, Schmierstoffe und Reifen.

Als Fünftes: Wir fahren nicht nur an weniger Tagen Auto, sondern auch immer weniger Kilometer mit dem Auto. Das bedeutet, dass wir ganz schön sparen: Leasingrate, Versicherungsprämie, Werkstatt- und Spritkosten sinken.

Und schließlich: Vorbild wirkt und steckt an! Kürzlich hat unsere Enkeltochter gefragt, ob sie nach der Schule zu uns kommen kann: „Ich fahre mit der S-Bahn nach Weßling und nehme den Bus nach Hochstadt und wenn mich abends der Papa auf dem Weg von der Arbeit mit nach Hause nimmt, bekommt ihr auch den grünen Punkt!“

Noch geht nicht alles ohne eigenes Auto. Für sechs Enkelkinder wollen wir gerne regelmäßig aber auch spontan im Notfall da sein. Hochstadt hat kaum Einkaufsmöglichkeiten und der Bus fährt abends nur bis 21 Uhr. Oft, aber nicht immer haben wir nachts noch Lust von Weßling nach Hause zu laufen. Und manchmal ist es auch einfach bequem, schnell das Auto zu nehmen …

Trotzdem: Ich finde, wir sind auf einem guten Weg. Vielleicht schaffen wir ja 2026 50 % autofreie Tage. Wer macht mit?

Gerhard Sailer

Radeln für ein besseres Klima

von Gerhard Sailer für UNSER DORF heute

15 Jahre Stadtradeln in Weßling! Ich blättere in alten Zeitungsausschnitten und erinnere mich. Horst-Günter Heuck hatte 2011 als Referent des Gemeinderates die ersten Weßlinger Klimaschutzwochen veranstaltet. Begeistert von dieser Veranstaltung wollte ich mit allen Weßlinger:innen etwas ganz Praktisches für den Klimaschutz leisten. Ich stieß auf die Aktion STADTRADELN des Klimabündnisses und dachte mir: „Das ist es!“ Doch der Gemeinderat spielte zunächst nicht mit. Erst als sich die SoKo Weßling bereit erklärte, die Koordination ehrenamtlich zu übernehmen, konnte es im September 2011 zum ersten Mal losgehen.

2012 wurde für das STAdtradeln mit dem Foto von Astrid Kahle auf dem Steg geworben. Foto: Jöran Zeisler

Und siehe da: 226 Teilnehmer:innen radelten 36.639 km! Die Überraschung war groß, als dafür eine Einladung zur bundesweiten Siegerehrung nach Rheinberg kam: Weßling hatte den dritten Platz in der Kategorie „Kommune mit den meisten Kilometern pro Einwohner:in“ belegt. Spätestens jetzt waren alle Vorbehalte beseitigt, und Bürgermeister Michael Muther ließ es sich nicht nehmen, dabei zu sein, als die gewonnenen Sachpreise unter den Radler:innen verlost wurden.

Im Jahr darauf konnten wir Weßlinger Organisator:innen, Astrid Kahle, Gerhard Hippmann, Rupert Schmidt und ich dann sogar alle Landkreiskommunen davon überzeugen, als Landkreis Starnberg beim Stadtradeln gemeinsam anzutreten. Seitdem läuft die Aktion unter der Regie des Landratsamtes, und ebenso wie Weßling bei den kleineren Kommunen konnte auch der Landkreis bei den großen Kommunen bundes- wie bayernweit manchen Spitzenplatz erringen.

2015 erhielt die Gemeinde Weßling einen Preis in Höhe von 2000 € von Landrat Karl Roth, den Bürgermeister Michael Muther entgegennahm. Die Gemeinde kaufte dafür die Fahrradreparaturstation am Bahnhof.

Aber zurück nach Weßling: 2012 wurde mit 53.047 km erstmals mehr als einmal der Äquator umrundet, und 2020 erreichten wir trotz oder vielleicht auch wegen Corona unser bisheriges Spitzenergebnis von 104.824 km. Insgesamt kamen in den 15 Jahren 1.130.157 Fahrradkilometer von 5.560 Radfahrer:innen zusammen. Das entspricht immerhin der Vermeidung von etwa 18,5 t CO2. Die Radlerinnen und Radler fanden sich dazu in verschiedenen Teams zusammen, vom Seriensieger DLR über die Grundschule (heuer auf Platz zwei!) bis hin zu den Teams der Feuerwehren oder Familien und Nachbarschaftsgruppen.

2026 wird es in die nächste Runde gehen. Die Mobilitätswende Weßling freut sich auf neue Ideen und viele Unterstützer:innen.

Modernisierte Stellplatzsatzung

Stellplatzverordnungen fördern die Kfz-Nutzung in einem sich selbst verstärkenden Prozess (Mitkopplung)

Seit dem 25. September gilt in der Gemeinde Weßling eine neue Stellplatzsatzung, die wesentliche Neuerungen bringt:

  • Neben Stellplätzen für Kfz sind jetzt auch Abstellplätze für Fahrräder nachzuweisen. Dadurch wird nicht mehr nur der Kfz-Verkehr, sondern in gleicher Weise auch der Radverkehr gefördert.
  • Bei guter ÖV-Anbindung kann durch Vorlage eines Mobilitätskonzepts (z. B. Carsharing, Bikesharing, zusätzliche Fahrradabstellanlagen) die Kfz-Stellplatzpflicht reduziert werden.
  • Die Wechselnutzung von Kfz-Stellplätzen für verschiedene Nutzungen (wie z. B. Grundschule und Sportplatz) kann zugelassen werden.
  • Bei Einverständnis der Gemeinde kann die Kfz-Stellplatzpflicht durch einen kostenpflichtigen Ablösevertrag reduziert werden.

Außerdem wurde die Anzahl der nachzuweisenden Kfz-Stellplätze geändert. Von besonderem Interesse sind hierbei die Richtzahlen für Wohngebäude: Nach der alten Satzung waren für Wohnungen mit bis zu 50 m² Wohnfläche ein, ab 50 m² zwei und ab 160 m² drei Stellplätze nachzuweisen. Nun sind für Wohnungen mit bis zu 60 m² ein, bis 100 m² eineinhalb und ab 100 m² zwei Stellplätze nachzuweisen; dabei ergeben sich wegen kaufmännischer Rundung für Einfamilienhäuser ab 60 m² zwei Stellplätze. Insgesamt wurde die Stellplatzpflicht also ein wenig reduziert, wobei die Obergrenze von zwei Stellplätzen durch neues Landesrecht (erstes Modernisierungsgesetz Bayern) festgelegt wird. Im Prinzip wird in der Gemeinde Weßling jedoch weiterhin davon ausgegangen, dass fast jede Einwohner:in ein Privatauto besitzt.

Die Praxis zeigt eindrücklich, dass eine Stellplatzpflicht erhebliche Nachteile mit sich bringt:

  • Die Verpflichtung zum Bau von Stellplätzen erhöht Baukosten bzw. Mieten erheblich und verursacht mehr Bürokratie.
  • Nachzuweisende Stellplätze auf privatem Grund führen zu deutlich erhöhter Flächenversiegelung. Tiefgaragen schädigen die Umwelt wegen massiver Klimawirkung und kurzer Lebensdauer in besonders hohem Maße.
  • Die stetig wachsende Anzahl an zwischen Straßen und Gebäudefassaden errichteten Garagen, Carports und Tiefgarageneinfahrten zerstört langsam aber sicher das (in der Gemeinde Weßling so hoch aufgehängte) Ortsbild.
  • Nicht zuletzt erhöhen Kfz-Stellplätze auf dem eigenen Grundstück erheblich die Attraktivität der Autonutzung und fördern somit die weitere Übermotorisierung der Gesellschaft – dafür wurden Stellplatzverordnungen bekanntlich erfunden.
Schulstraße: Fünf Stellplätze gemäß alter Stellplatzsatzung. Über nahezu die gesamte Grundstücksbreite steht Kfz-Infrastruktur im Vordergrund.

Erstaunlicherweise werden in Weßling wie in den meisten anderen bayerischen Kommunen all diese schwerwiegenden Nachteile in Kauf genommen, um zu erreichen dass „weniger Autos auf der Straße stehen“. Zumal die Praxis zeigt, dass dieses Ziel durch Stellplatzsatzungen nicht zuverlässig erreicht werden kann; denn die vorgesehene Nutzung der privaten Stellplätze kann nicht vorgeschrieben werden und ihre zweckfremde Nutzung wird nicht geahndet.

Im Grunde ist es eine absurde Idee, das verkehrsrechtliche Problem des legalen Parkens im Straßenraum durch massive Eingriffe in das Baurecht lösen zu wollen. Insofern ist es zu begrüßen, dass die Stellplatzpflicht nun auch in Bayern abgeschafft wurde. Doch leider wurde dabei ein Schlupfloch geschaffen, durch welches die Gemeinde Weßling eine zwar modernisierte, aber nach wie vor die Kfz-Nutzung anfachende Stellplatzsatzung erlassen konnte.

Etwa 50 Millionen Pkw belasten den öffentlichen Raum in Deutschlands Städten und Gemeinden, Tendenz weiterhin steigend. Die Bundespolitik stellt mit milliardenschweren Subventionen für Dienstwagen, Diesel, Pendler:innen und Straßenbau sowie Kaufprämien und ein autozentriertes Straßenverkehrsrecht unaufhörliches Wachstum der Autokonzerne ins Zentrum ihrer Verkehrspolitik. Nur beim Thema Stellplätze können Kommunen wirksam gegensteuern. Mit der neuen Stellplatzsatzung lässt die Gemeinde Weßling diese Chance weiterhin ungenutzt.

Autogerechtes Konsumzentrum gefährdet Ortsentwicklung

Der Bau eines neuen Drogeriemarkts im Gewerbegebiet Argelsrieder Feld ist beschlossene Sache. Der Standort mit Doppelnutzung des Discounter-Parkplatzes (Aldi) und guter Radverkehrsanbindung erscheint auf den ersten Blick vorteilhaft. Doch die zu erwartenden Auswirkungen auf Mobilität und Ortsentwicklung deuten auf eine folgenschwere Fehlentscheidung hin.

Die Ansiedlung von Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf in ortskernfernen Gewerbegebieten folgt der autogerechten Stadtplanung, nach der Wohnen, Einkaufen und Arbeiten räumlich getrennt und durch Kfz-Nutzung erschlossen wurden. Obwohl dieses Konzept längst als Irrweg erkannt wurde, wird es noch immer vielerorts umgesetzt. In diesem Sinne steht der Drogeriemarkt einer Realisierung der zeitgemäßen Idee einer 15-Minuten-Gemeinde Weßling diametral entgegen: Da der Standort für die Bürger:innen fußläufig nicht erreichbar ist, wird statt nachhaltiger Mobilität der Kfz-Verkehr gefördert.

Drogeriemarktstandort und 15-Minuten-Aktionsradien für Fuß- und Radverkehr

Darüber hinaus sind die zu erwartenden Auswirkungen auf die Ortsentwicklung verheerend, denn in der Gemeinde Weßling lassen sich drei unterschiedliche Stadien des Ortskernsterbens beobachten: In Hochstadt ist der Prozess bereits abgeschlossen, während er in Oberpfaffenhofen im vollen Gange ist und in Weßling noch am Anfang steht. Es liegt auf der Hand, dass der Drogeriemarkt hierbei als Brandbeschleuniger wirken wird. Insbesondere wird die Konkurrenzsituation zum bestehenden, zentral im Ortsteil Weßling gelegenen Edeka-Markt verschärft, dessen Standort die üblicherweise für einen Vollsortimenter geforderten Mindestkenngrößen (Ladenfläche, Stellplatzanzahl) bei Weitem nicht erfüllt. Eine Geschäftsaufgabe des wichtigsten Treffpunkts im Ort hätte zweifellos dramatische Auswirkungen auf das gemeindliche Leben bzw. Sterben.

Was nun bleibt ist die Hoffnung, dass sich diese Befürchtungen als unbegründet erweisen werden.