Die Mobilitätswende ist für uns Teil einer notwendigen sozialökologischen Transformation, die neben der Frage der Mobilität folgende radikale Kurswechsel umfasst: eine Energiewende, die erneuerbare Energien in Bürger:innenhand setzt, eine Agrarwende, die statt exportgetriebener Massenproduktion auf die Förderung ökologisch-solidarischer Landwirtschaft setzt und eine industrielle Abrüstung, in der überflüssige – zuallererst Rüstung – durch gesellschaftlich nützliche Produktion ersetzt wird.

Aus der Einleitung des AttacBasisTexts Klimagerechte Mobilität für alle von Achim Heier, 2020.

Neue Rekorde für Weßling beim STAdtradeln

Seit 2011 nimmt die Gemeinde Weßling an der Klimaschutzaktion Stadtradeln teil. Wegen der Corona-Krise war vorab ungewiss, wie in diesem Jahr die Beteiligung ausfällt. Jetzt steht fest: auch in unserer Region hat das Virus den Radverkehr erheblich beflügelt.

STAdtradel-Ergebnisse seit 2011

In den drei Wochen vom 21. Juni bis 11. Juli radelten für unsere Gemeinde 450 aktive Teilnehmer:innen in 27 Teams 104.824 Kilometer weit. Damit wurde der Rekord von 93.374 km aus dem Jahr 2018 deutlich übertroffen. In der Wertung Kilometer pro Einwohner:in erzielte Weßling mit 19,14 km einmal mehr das mit Abstand beste Ergebnis im Landkreis.

Eine große Überraschung gab es in der Kategorie Parlamentarier:innen-Kilometer, in die nur Gemeinderät:innen und Bürgermeister:innen eingehen. Mit einer Beteiligung von 13 von 21 = 62 % und 2943 gefahrenen Kilometern war Weßling erstmalig auch hier die Nummer eins im Landkreis. Das ist wirklich erstaunlich, denn vor zwei Jahren landeten die Weßlinger Kommunalpolitiker:innen noch auf dem letzten Platz. Hier zeigt sich die Wirkung eines vorbildlich und mitreißend voraus radelnden Bürgermeisters und das kooperative Miteinander im neu gewählten Gemeinderat. Wir sind begeistert – weiter so!

Alle STAdtradel-Ergebnisse gibt es hier.

Wie funktionieren Fahrradstraßen?

von Gerhard Hippmann für Unser Dorf heute mit Aktualisierungen

„Nichtmotorisierter Verkehr ist bevorzugt” lautet eines der Ziele des Leitbilds der Gemeinde Weßling. Mit der Eröffnung der ersten Fahrradstraße am 21. Juni wurde endlich ein deutlicher Fortschritt in diese Richtung erzielt. Die gesamte Schulstraße, das südliche Ende des Walchstadter Wegs und der Meilinger Weg werden dann mit dem Verkehrszeichen „Fahrradstraße” und dem Zusatzzeichen „Kraftfahrzeuge frei” beschildert. Damit ändern sich die Verkehrsregeln laut StVO wie folgt:

  1. Für alle Fahrzeuge gilt Tempo 30 als zulässige Höchstgeschwindigkeit.
  2. Das Nebeneinanderfahren mit Fahrrädern ist ausdrücklich erlaubt.
  3. Der Radverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Kfz-Verkehr die Geschwindigkeit weiter verringern.

Alle anderen Verkehrsregeln ändern sich durch die Erklärung zur Fahrradstraße nicht. Insbesondere gilt weiterhin das Rechtsfahrgebot, und Kraftfahrzeuge dürfen Radfahrende überholen, wenn sie dabei den seitlichen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern und Tempo 30 einhalten. Unverändert bleiben außerdem Parkflächen sowie Vorfahrtsregelungen an Einmündungen und Kreuzungen. Allerdings wurde die Vorfahrt an der Kreuzung mit der Grünsinker Straße bereits geändert, und bei Eröffnung der Fahrradstraße wurden auch die Regelungen an den beiden Einmündungen in den Walchstadter Weg angepasst, sodass der Radverkehr Vorfahrt genießt.

Verlauf der ersten Weßlinger Fahrradstraße mit geänderten Vorfahrtsregelungen

In Fahrradstraßen ist die Fahrbahn in erster Linie zum Radeln da. Kraftfahrzeuge spielen nur eine Nebenrolle. Sie sind verpflichtet, ihre Geschwindigkeit zu verringern und besonders rücksichtsvoll zu fahren. So machen Fahrradstraßen das Radeln sicherer und attraktiver. Gleichzeitig entschleunigen und verringern sie den Kfz-Verkehr, sodass die Lebensqualität steigt und die Umweltbelastung sinkt.

Um unserem Leitbild durch Fahrradstraßen näher zu kommen, müssen alle Verkehrsteilnehmer nicht nur die Verkehrsregeln kennen, sondern auch bewusst und uneigennützig umsetzen. Helfen Sie mit, die neue Fahrradstraße zum Erfolgsmodell zu machen!

Corona – wenn uns ein Virus die Wege weist…

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Manchmal musste ich während der vergangenen Wochen an das Jahr 1986, die Wochen und Monate nach Tschernobyl denken. Von einem Tag auf den anderen durften die Kinder nicht mehr draußen spielen und keine Milch mehr trinken. Das was uns Angst machte, die Radioaktivität, war genauso unsichtbar, wie jetzt das Virus. Wir mussten plötzlich überlegen, wie wir mit einer bisher unbekannten Bedrohung umgehen sollten. Auch jetzt treffen uns alle tiefgreifende Einschränkungen. Und es gibt kaum einen Bereich, auf den sie sich so gravierend auswirken, wie auf unser Mobilitätsverhalten: Home-Office statt Pendeln, Spaziergang statt Fahrt in die Berge, Lernen im Wohnzimmer und Spielen daheim, statt mit dem Schulbus in die Schule und dem Elterntaxi zum Training, Fahrrad statt Bus und S-Bahn, Ausgleich suchen in der Natur vor der Haustür statt Flug in die Ferne …

Für die einen ist dies Belastung und Einschränkung, andere empfinden Erleichterung und genießen es, zur Ruhe zu kommen. Der Himmel ist so blau wie schon ganz lange nicht mehr, und wenn ein Kondensstreifen zu sehen ist, ist es eine Besonderheit, wie damals in unserer Kindheit. Wo sonst der Autolärm alles überdeckt, ist jetzt wieder Vogelgezwitscher zu hören. Anstatt das Auto zu nehmen gehen wir zu Fuß zum Einkaufen – müssen uns ja eh bewegen und Zeit haben wir auch.

Und wie sie bei den Menschen das Gute und das Schlechte, die Hilfsbereitschaft der einen und den Egoismus der anderen, zum Vorschein bringt, so lässt uns die Krise auch ansonsten erkennen, was in unserem Alltag besser laufen könnte – oder sogar müsste?

Sprit so billig wie lange nicht – aber keiner tankt.

In unseren Orten sind plötzlich viele Fußgänger unterwegs, aber wenn sie Abstand zu Menschen, die ihnen entgegen kommen, halten wollen, sind die Gehwege zu eng und sie müssen weit auf die Fahrbahn ausweichen. Die wenigen Autos sollten viel vorsichtiger und langsamer unterwegs sein. Vielleicht wäre doch Shared Space im Ort eine Lösung, also die gleichberechtigte Nutzung des Straßenraums durch alle Verkehrsteilnehmer.

„Opa, auf der Straße von Unering nach Hochstadt konnten wir gar nicht schnell fahren. Da waren so viele Radler unterwegs, das war wie auf einem Radweg!“ erzählt mir mein Enkelkind ganz aufgeregt. Aber warum gibt es hier noch immer keinen Radweg?

„Unsere Fahrräder und vor allem die E-Bikes haben scheinbar das Toilettenpapier als Produkt der Begierde abgelöst“ berichtet ein Fahrradhändler. Toll, dass das Fahrrad so einen Boom erlebt, aber wenn wir den Radfahrern nicht mehr Platz einräumen, wird es mit der Begeisterung der neuen Radler bald wieder vorbei sein.

Denn auch solche Meldungen gibt es: „Radfahrerin übersieht Auto und kommt mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus“ schreibt der Kreisbote zu einem Unfall auf der Westumfahrung Starnberg. Beim Bau der Umfahrung hieß es, Radler seien hier nicht mehr erwünscht. Es würden Alternativrouten für sie geschaffen. Diese Alternativen für Radfahrer gibt es immer noch nicht.

„Doch gut, dass immer so große Linienbusse im Einsatz sind. Sechs oder sieben Fahrgäste können sich da gut verteilen!“ denke ich mir auf der Fahrt mit dem 955er nach Starnberg. Wenn es enger wäre, würde ich mich doch unwohl fühlen.

„Entschuldigung, könnten Sie mir etwas Wasser in meine Flasche füllen? Es ist ja nirgends etwas offen.“ bittet mich ein ziemlich verzweifelter Rennradler, der mich im Vorgarten sieht. Trinkwasserspender in unseren Orten wären für viele Wanderer und Radfahrer eine willkommene Hilfe.

Noch niemand ist vorwärts gekommen, indem er rückwärts gelaufen ist. Wir sollten die Gunst der Stunde für die Verkehrswende nutzen, alles andere wäre eine verpasste Chance.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann bei der Veranstaltung MobilitätsIMPULSE am 20. Mai 2020.

Praxistest Mitfahrbank

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Freitag Nachmittag. Mit Rucksack und Koffer komme ich mit der S-Bahn in Weßling an. Der nächste Bus kommt erst in 25 Minuten. Da könnte ich längst zuhause sein. Ob mich mit dem ganzen Gepäck jemand mitnehmen wird? Ich riskiere es und laufe vor zur Mitfahrbank.

Mitfahrbank in Weßling

Leider fehlen die Fahrzielanzeiger. Sie waren wohl nicht stabil genug befestigt. Ich sitze noch gar nicht, da hält schon ein älterer Herr mit seinem roten Kleinwagen. Er fährt nur bis Oberpaffenhofen, aber bis dahin nimmt er mich gerne mit und lässt mich beim Plonner aussteigen.

Mitten im Dorf ist es eher schwierig eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Ich laufe deshalb über den Schulhof hinunter zur Hochstadter Straße, stelle mich an den Straßenrand und strecke den Daumen raus. Drei, vier Autos fahren vorbei, aber jetzt hält eine nette Dame. Sie komme aus Wörthsee und müsse nach Hochstadt. Natürlich könne ich mitfahren: „Oh, den Koffer habe ich gar nicht gesehen, aber irgendwie wird es schon gehen!“ Freilich finde ich Platz im kleinen Auto und meine Fahrerin erzählt, dass sie früher immer nur per Anhalter unterwegs gewesen sei. Schade, dass von den jungen Leuten jetzt immer die Mamas angerufen würden!

Die letzten Meter gehe ich zu Fuß. Das tut nach der langen Zugfahrt auch gut. Und ich stehe schon mit einer Tasse Tee daheim am Küchenfenster, als der Bus vorbeifährt.

Das war schon das vierte Mal, dass ich die Mitfahrbank benutzte. Zweimal ging es direkt und zweimal mit Umsteigen nach Hochstadt. Geklappt hat es immer ziemlich schnell. Ich würde mir noch ein Bankerl an der Hochstadter Straße in Oberpfaffenhofen wünschen und natürlich eins an der Dorfstraße in Hochstadt für Fahrten sowohl Richtung Starnberg oder Gauting als auch Richtung Weßling. Ja, und noch eins an der Weßlinger Straße Richtung Unering!

Auf dieser Strecke wird jetzt so schnell gefahren, dass das Radeln sehr unangenehm und das zu Fuß Gehen unmöglich ist. Die Enkel im Nachbardorf könnte ich dann auch ohne eigenes Auto endlich ziemlich gefahrlos besuchen.

Reale Gefahr durch unsinnige Anschlussstellen

Leserbrief zum Beitrag 21-Jähriger stirbt bei Unfall in der Süddeutschen Zeitung vom 31. Januar 2020

Welch schrecklicher Unfall, was für ein sinnloser Tod, welches Leid für die Angehörigen! Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als ich das Foto betrachtete und den Artikel las. Ich fahre auf dieser Strecke fast täglich mit dem Fahrrad. Sie wird vom Landratsamt für Radfahrer als sichere Alternative zur Umfahrung von Unterbrunn/Oberbrunn empfohlen. Von Hochstadt Richtung Gauting bleibt ansonsten nur die Staatsstraße Oberpfaffenhofen – Unterbrunn mit den vielen Lkw und noch mehr eiligen Pkw auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause.

Nach dem Bau der Ortsumfahrung hätte man aus der Straße von Unterbrunn nach Oberbrunn mit Leichtigkeit ein ruhiges, sicheres Sträßlein für Fußgänger, Radfahrer und wenige Anlieger machen können. Statt dessen baute man die unsinnigen Anschlussstellen Oberbrunn-Süd und Unterbrunn-Nord und schuf damit eine reizvolle Strecke für sportliche Autofahrer, die nur allzu gerne das Kurvenverhalten ihrer Fahrzeuge austesten. Schließlich ist hier Tempo 100 erlaubt und dass diese Geschwindigkeit auf alle schwächeren Verkehrsteilnehmer, egal ob sie entgegenkommen oder überholt werden, mehr als bedrohlich wirkt, ist den wenigsten Autofahrern bewusst.

Dass die Gefahr für Radfahrer ganz real ist, ist mir jetzt noch ein bisschen deutlicher geworden. Wie leicht hätte es sein können, dass das Auto des jungen Fürstenfeldbruckers nicht nur einen Baum, sondern auch einen Radfahrer trifft und mit in den Tod reißt?

Leider interessiert diese Gefahr in unseren Amtsstuben nicht. Eine Fahrraddemonstration an genau dieser Stelle hatte keinerlei Resonanz bei den politisch Verantwortlichen. Und auch jetzt sucht man die Schuld eher bei etwas Glatteis auf der Straße oder den vier Bäumen am Straßenrand, als in den Köpfen von Politikern und Verkehrsplanern. So wird die Verkehrswende im Landkreis nicht gelingen!

Gerhard Sailer
Mobilitätswende Weßling