Radlständer-Vergleichstest 2021

Gut Mischenried: Einzige überdachte Abstellanlage für Kund:innen, mit ungewöhnlichen Lenkerhaltern

Einer der wichtigsten Treiber für den immer problematischeren Siegeszug des Autos ist die systematische Bereitstellung von Stellplätzen und Parkraum. Seit Ende der 30er Jahre schreiben Stellplatzverordnungen minutiös vor, wie viele Kfz-Stellplätze bei jedem Bauvorhaben mindestens herzustellen sind. Und seit dem Bremer Laternenparkerurteil aus dem Jahr 1966 ist das ständige Lagern von Autos auf öffentlichen Straßen stets erlaubt, sofern es keinen Anordnungsgrund für ein Haltverbot gibt. Nur mit der Etablierung dieser extrem aufwändigen, in Beton gegossenen Infrastruktur konnte das Auto trotz seiner miserablen Flächeneffizienz zum Massenverkehrsmittel entwickelt werden. Heute erscheint die Förderung des Kraftverkehrs völlig aus der Zeit gefallen, wird durch Politik und Behörden aber dennoch mit unvermindertem Eifer fortgeführt.

Anders sieht es beim Radverkehr aus: Die Bereitstellung von Abstellanlagen für Fahrräder ist nur vereinzelt durch kommunale Satzungen geregelt, welche zudem nicht immer konsequent angewendet werden. Die für die Attraktivität des Radverkehrs wichtige Verfügbarkeit qualitativ und quantitativ überzeugender Fahrradparker hängt daher meist vom guten Willen von Bauherren, Geschäftsleuten und öffentlichen Einrichtungen ab. Das gilt auch für die Gemeinde Weßling, denn die am 11. Mai 2016 vom Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Energie und Mobilität beschlossene Aufnahme von Fahrradabstellplätzen in die Stellplatzsatzung wurde bis heute nicht umgesetzt.

Die Mobilitätswende hatte bereits in den Jahren 2014, 2015 und 2016 Radlständer-Vergleichstests durchgeführt, um die Abstellanlagen in der Gemeinde Weßling zu bewerten. Dabei konnten allerdings nur geringe Unterschiede zwischen den Jahren festgestellt werden, sodass diese neue Auflage des Vergleichstests nach einem Zeitraum von fünf Jahren erscheint. Die in der ersten Ausgabe ausführlich beschriebenen Kriterien sowie das auf Schulnoten basierende Bewertungsschema bleiben unverändert.

Öffentliche Radlständer

Neuer Radlständer im evangelischen Friedhof

Bei den Radlständern öffentlicher Einrichtungen gibt es erstaunlich wenig Änderung. Zwar kamen beim evangelischen Friedhof vier und beim alten Rathaus Weßling zwei neue Abstellplätze hinzu, allerdings wurden beim Hort vier und bei der Kinderkrippe Vogelnest zwei entfernt, sodass die Gesamtanzahl unverändert bei 450 liegt. Auch die durchschnittliche Gesamtnote von 3,3 bleibt gleich. Immerhin sind nun 37 von 47 Einrichtungen mit einer Abstellanlage ausgestattet, aber nur fünf davon werden als gut bewertet.

Der größte Handlungsbedarf herrscht zweifellos am Bahnhof. Hier sind in den kommenden Jahren deutliche Fortschritte zu erwarten, denn die Umsetzung der Erneuerung der Abstellanlagen ist bereits im Gang. Der weitere Zeitplan ist jedoch ungewiss, da die Gemeinde auf Gestattungsverträge der Bahn angewiesen ist, welche wiederum von der Planung des bevorstehenden Bahnhofumbaus abhängen.

Radlständer für Kund:innen

Bei den Radlständern für Kund:innen gibt es mehr Veränderung. Das liegt aber nicht an einem gesteigerten Engagement der Gewerbetreibenden, sondern an Eröffnungen bzw. Schließungen sowie Um- und Neubauten. So gab es während der Erhebung im Mai beim Gasthof Schuster (Schließung und Abriss), Hotel Post (Abriss und Neubau) sowie beim Hotel Seehof (Neugestaltung des Außenbereichs) keine Abstellanlagen mehr. Bei letzteren besteht Hoffnung, dass schon bald qualitativ hochwertige Radlständer in ausreichender Anzahl installiert werden. Immerhin 20 neue Abstellplätze kamen in die Wertung, weil erstmalig das Gut Mischenried in die Erhebung einbezogen wurde. Die Hälfte davon ist sogar mit einer Überdachung ausgestattet, was in dieser Kategorie leider einmalig ist.

Neuer Radlständer beim Edeka

Der Edeka-Markt ist das wohl am stärksten von Radler:innen frequentierte Geschäft in Weßling. Hier wurde der alte, ramponierte Radlständer mit 11 Plätzen durch einen zweiten Sechsfach-Parker ersetzt. Das ist aufgrund des Diebstahlschutzes durchaus ein Fortschritt, Gesamtanzahl und Seitenabstand sind allerdings nach wie vor nicht überzeugend. Außerdem gibt es einen neuen Anlehnbügel bei der SB-Geschäftsstelle der Sparkasse, drei neue Abstellplätze beim Amselcafé, fünf im MK-Gesundheitszentrum sowie einige marginale Änderungen bei anderen Geschäften. Verschwunden sind indes die Radlständer bei Hof Art, der Schreinerei Leutenbauer sowie der Spenglerei/Dachdeckerei Bernlochner. In der Gesamtbilanz reduzierte sich die Anzahl der Abstellplätze von 220 auf 204, wobei die Gesamtnote unverändert bei 3,6 liegt.

Manche Fahrradparker sind bis zur Unbenutzbarkeit verstellt

Es ist bekannt, dass radelnde Kund:innen dem lokalen Einzelhandel treuer bleiben, mehr Umsatz generieren und keine Pkw-Stellplätze beanspruchen. Daher ist schwer nachvollziehbar, warum nur 41 von 79 Gewerbetreibenden Fahrradabstellplätze anbieten, von denen gerade einmal fünf mit gut und kein einziger mit sehr gut bewertet werden. Nicht selten sind Radlständer verwahrlost, verstellt oder kaum auffindbar. Hier ist in Sachen Wertschätzung und Fahrradfreundlichkeit noch viel Luft nach oben. Hoffentlich verbessert sich die Lage in Zukunft durch die angekündigte Förderung von Abstellanlagen im Einzelhandel im Rahmen des nationalen Radverkehrsplans 3.0. Die Mobilitätswende bietet nach wie vor an, bei Planung und Auswahl von Radlständern beratend zur Seite zu stehen.

Auswertung

Auswertung der Kategorie: Öffentlich

Auswertung der Kategorie: Für Kund:innen

Auswertung als Tabellendokument

Fazit

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Situation hinsichtlich Fahrradabstellanlagen nicht verbessert. Kleine Verbesserungen bei den öffentlichen Einrichtungen werden von Verschlechterungen bei den Gewerbetreibenden überkompensiert. Damit Weßling tatsächlich eine fahrradfreundliche Gemeinde wird, muss in Sachen Radlständer noch viel passieren.

Containerdorf: Hochwertigste Radlständer in der Gemeinde

Die qualitativ hochwertigsten Radlständer in der Gemeinde gibt es übrigens dank einer Initiative des Integrationspunkt Weßling im Containerdorf für Geflüchtete, freilich außerhalb der Bewertungskategorien dieses Vergleichstests. Hier fehlt nur ein (aufgrund von Bestimmungen nicht zulässiger) Witterungsschutz. Eine dermaßen optimale Lösung, die erstmalig eine Bewertung mit der Note eins verdient, ist immerhin für die Abstellanlagen am Bahnhof in Aussicht.

Es ist noch keine Verkehrswende, wenn wir jeden Verbrenner durch ein E-Auto ersetzen. Es geht darum, dem Auto auch öffentliche Räume zu entreißen. Unsere Städte sind keine Parkplätze, Städte sind Orte zum Leben. Es sind Städte für Menschen und nicht Städte für Autos.

Aus einem Interview mit Helmut Dedy, Hautgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, September 2020.

Fahrradunfreundlicher geht es nicht

E-Mail vom 13. April 2021 an die Radverkehrsbeauftragte des Landkreises Starnberg

Sehr geehrte Frau S.,

am Meilinger Weg in Weßling, Teil der überörtlichen Radroute Herrsching – Weßling – Gilching, errichtet die Gemeinde Weßling ein neues Schulgebäude. Wegen des Baustellenverkehrs wurde die dortige Fahrradstraße aufgehoben und das Schild „Radfahrer absteigen“ angebracht. Damit dürfen Kfz in diesem Bereich statt bisher 30 jetzt 50 km/h fahren, während Radfahrer absteigen und 260 m schiebend zurücklegen sollen.

Diese Regelung ist eines „fahrradfreundlichen“ Landkreises keinesfalls würdig! Die Baustellenrichtlinien der AGFK sehen auch an Baustellen durchgängige Fahrspuren für Radfahrer vor. Es ist zu erwarten, dass das Absteigegebot von den Radfahrern nicht beachtet wird – wie auch Autofahrer ein Schild „Autofahrer aussteigen“ oder Fußgänger ein Schild „Fußgänger stehen bleiben“ nicht beachten würden.

Um im Bereich der Baustelle die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer sicherzustellen, sollte ein Tempolimit von 10 km/h angeordnet werden. Die Beschränkung sollte auf Werktage beschränkt werden, da an Wochenenden und Feiertagen einerseits kein Baustellenverkehr stattfindet und andererseits dann besonders viele Freizeitradler unterwegs sind. Der Bauaufsicht sollte vorgegeben werden, dass Verschmutzungen jeweils unverzüglich zu beseitigen sind.

Alternativ könnte geprüft werden, den Radverkehr über die parallel verlaufende Hauptstraße zu leiten, dort die Fahrbahn für Kfz zu verengen und eine gesicherte Fahrradspur anzulegen.

Ich bitte sehr darum hier unverzüglich für eine fahrradfreundliche Regelung zu sorgen und dabei zu bedenken, dass die Regelung mit Sicherheit für viele Monate gelten wird.

Mit freundlichen Grüßen,
Gerhard Sailer
Mobilitätswende Weßling

Antwort vom 13. April 2021

Sehr geehrte Damen und Herren,

leider steht unsere Radverkehrsbeauftragte kurzfristig für einen längeren Zeitraum nicht zur Verfügung. Daher bitten wir um Ihr Verständnis, dass es ggf. zu einer längeren Bearbeitungszeit kommen kann. Wir werden Ihr Anliegen so schnell wie möglich bearbeiten.

Mit freundlichen Grüßen
Stabsstelle Verkehrsmanagement

Update vom 16. Juli 2021

Nach mehr als drei Monaten wurden die Zusatzzeichen „Radfahrer absteigen“ diese Woche endlich von der Gemeinde entfernt. Das Landratsamt hatte sich allerdings nicht um diese Sache gekümmert, und die Verkehrspolizei hatte die vorgeschlagene Geschwindigkeitsbegrenzung von 10 km/h auf Rückfrage entschieden abgelehnt. „Beschränkung des fließenden Verkehrs“ setzen die Behörden offenbar selbst auf einer hoch priorisierten Radroute mit „Beschränkung des Kfz-Verkehrs“ gleich, während der Radverkehr weiterhin wie selbstverständlich marginalisiert wird.

Unterdessen hatten Verkehrswende-Aktivisten die Initiative ergriffen und für eine Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer:innen im Meilinger Weg gesorgt:

Rückenwind für den Radverkehr

Lastenpedelec LaRa 1 mit Anhänger im Einsatz

Im ersten Quartal 2021 hat der Gemeinderat Weßling einige Entscheidungen getroffen, die den Fuß- und Radverkehr voran bringen.

Geschwindigkeitsbeschränkung Grünsinker Straße

Seit die Grünsinker Straße für den Durchgangs-Kfz-Verkehr gesperrt ist, wird sie überwiegend von Fußgänger:innen und Radler:innen genutzt. Bei schönem Wetter lässt sich erfreulicherweise beobachten, wie Menschen zahlreich die ehemalige Staatsstraße zurück erobern. Allerdings handelt es sich baulich und rechtlich nach wie vor um eine Landstraße, auf der 100 km/h schnell gefahren werden kann und darf.

Der Gemeinderat sprach sich am 19. Januar mit großer Mehrheit für eine Geschwindigkeitsbegrenzung aus. Zwischen Ortstafel und Waldrand soll auf 60 km/h und im Wald auf 30 km/h, jeweils mit Zusatzzeichen „Achtung Fußgänger“ beschränkt werden. Diese Maßnahme erfordert allerdings noch eine Zustimmung vom Landratsamt, welche leider nicht selbstverständlich ist.

Schutzstreifen Gautinger Straße

Die nordwestliche Gautinger Straße ist zwischen den Einmündungen Hauptstraße und Adelbergweg durchwegs mindestens 6,0 m breit. Damit ist genug Platz für die Einrichtung eines einseitigen Fahrradschutzstreifens vorhanden. Diese Maßnahme ist sinnvoll in Richtung Oberpfaffenhofen, weil aufgrund der Steigung besonders große Geschwindigkeitsunterschiede zwischen Radler:innen und Kfz auftreten. Der Gemeinderat befürwortete diesen Vorschlag am 23. Februar einstimmig.

Mit dem Beschluss ist ein erster wichtiger Schritt getan. Die Maßnahme muss aber noch durch das Landratsamt genehmigt werden. Die Chancen dafür stehen wahrscheinlich nicht schlecht, weil der Landkreis zurzeit die Einrichtung von Schutzstreifen forciert.

Unterführung Mitterwiese

Unterbrochener Wirtschaftsweg an der Mitterwiese

Durch den Bau der Umfahrung Weßling wurde der bei Wander:innen und Radler:innen sehr beliebte Waldweg von Weßling nach Steinebach über die Mitterwiese und den Golfplatz durchtrennt. Seitdem muss der Radverkehr 120 m auf der Umfahrung fahren und dann nach links abbiegen, um auf die andere Seite zu kommen – lebensgefährlich bei zulässigen 100 km/h für den Kraftverkehr. Der Gemeinderat sprach sich am 23. Februar einstimmig und mit Nachdruck dafür aus, den Bau einer Unterführung für den Fuß- und Radverkehr anzugehen (Artikel Süddeutsche und Merkur).

Auch in dieser Sache ist eine Umsetzung durchaus wahrscheinlich, denn niemand hat sich bisher dagegen ausgesprochen, und für das Vorhaben kann voraussichtlich eine hilfreiche Förderung beantragt werden.

Förderprogramm für Lastenräder und Fahrradanhänger

Förderprogramme für Lastenräder und Fahrradanhänger werden von vielen Kommunen angeboten und erfreuen sich bei Bürgerinnen und Bürgern großer Beliebtheit. Diese Maßnahmen haben den Charme, dass sie tatsächlich das Potenzial haben, Autofahrten bzw. Zweit- und Drittwagen zu ersetzen. Das wird mit jeder Fahrt sichtbar gemacht, sodass sich solche Förderprogramme selbst verstärken.

Am 17. März beschloss der Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Energie und Mobilität mit deutlicher Mehrheit, auch in der Gemeinde Weßling Lastenräder (Zuschuss 500 €) und Fahrradanhänger (150 €) zu fördern.

Beitritt zur Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen

Ebenfalls am 17. März wurde einstimmig beschlossen, dass die Gemeinde der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern (AGFK) beitritt und somit eine Zertifizierung als fahrradfreundliche Gemeinde anstrebt. Dieses Ziel vor Augen wird in den kommenden Jahren sicherlich hilfreich und motivierend sein.

Kreuzung Meilinger/Steinebacher Weg

Fahrradfreundlichere Vorfahrtsregelung an der Kreuzung Meilinger/Steinebacher Weg

Es kommt selten vor, dass eine Maßnahme zur Förderung des Radverkehrs im Konzept für das Alltagsradroutennetz STA enthalten ist und sowohl vom Landratsamt, als auch von der Verkehrspolizei ausdrücklich begrüßt wird. Dies ist der Fall an der Kreuzung Meilinger/Steinebacher Weg, wo der Radverkehr auf der Radroute Herrsching-München mit höchster Priorität auf einer Fahrradstraße geführt wird. Alles spricht daher dafür, den Meilinger Weg zu bevorrechtigen oder wenigstens die Stop-Beschilderung durch „Vorfahrt gewähren“ zu ersetzen.

Aus schwer nachvollziehbaren Gründen fand diese Lösung am 19. Januar aber keine Mehrheit im Gemeinderat. Weil sich die Beschilderung durch den Bau der Grundschule mittelfristig sowieso ändern wird, ist diese Fehlentscheidung aber verschmerzbar.

Insgesamt gibt es zurzeit in der Gemeindepolitik also viel Schwung für den Radverkehr. Damit die Maßnahmen umgesetzt werden, müssen allerdings noch die übergeordneten Behörden mitspielen und die Gemeindeverwaltung ihre Hausaufgaben machen. Wir drücken die Daumen, dass das in allen Fällen gelingt!

Wer eine Trompete kauft, der weiß, dass er sie nicht an jedem beliebigen Ort und zu jeder Zeit benützen kann. Mit dem Auto wird es künftig nicht anders sein.

Hans-Joachim Vogel, Oberbürgermeister von München 1960 bis 1972.

Rückblick auf das achte Jahr

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Arbeit und Projekte der Mobilitätswende Weßling im Jahr 2020.

Mitfahrbänke

Seit Herbst 2019 gibt es Mitfahrbänke in den drei Ortsteilen der Gemeinde. Nach ersten positiven Erfahrungen warteten wir gespannt auf den Beginn des Frühlings, um zu verfolgen, wie das Konzept von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen wird. Doch dann zog die Corona-Pandemie ein und stellte den Alltag auf den Kopf, sodass die zu den erforderlichen Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen im Widerspruch stehenden Mitfahrbänke leider verwaisten. Allerdings wurde bereits deutlich, dass Vandalismus, Wind und Wetter nach einer robusteren Ausführung der Haltestellenausrüstung verlangen.

Lockdown

Der Lockdown im Frühling wirkte sich in erstaunlichem Maße auf das Mobilitätsverhalten der Menschen aus. Der starke Rückgang des Kfz- und Flugverkehrs und die deutliche Zunahme von Fuß- und Radverkehr gaben einen Ausblick auf die Auswirkungen einer erfolgreichen Verkehrswende. Andererseits verlor der öffentliche Personenverkehr wegen Ansteckungsgefahr massiv an Zuspruch – und dieser negative Effekt wird wohl erheblich länger anhalten als die vorübergehenden positiven Entwicklungen bei den anderen verträglichen Verkehrsformen. Leider war beim zweiten Lockdown im Herbst keine deutliche Reduzierung der Kfz-Verkehrsbelastung mehr zu beobachten.

Radl Werkstatt

Da die Garagenräume auf der Rückseite des ehemaligen Feuerwehrhauses Weßling zur Kita umgebaut wurden, musste die Radl Werkstatt ausziehen. Erfreulicherweise stellte die Gemeinde die direkt nebenan liegende Doppelgarage als neuen Werkstattraum zur Verfügung. Der Umzug erfolgte im Mai und die neuen Räume haben sich seitdem bewährt – nur im Winter muss die Radl Werkstatt nun geschlossen bleiben, weil es dort mangels Heizung zu kalt zum Arbeiten wird.

Auch in diesem Jahr war die Nachfrage sowohl von Geflüchteten als auch Einheimischen in der Radl Werkstatt oft hoch, und es hat sich ein vierköpfiges zuverlässiges Reparaturteam eingespielt. Der Radl-Reparaturkurs im Rahmen des Ferienprogramms der Nachbarschaftshilfe musste leider pandemiebedingt entfallen.

Kommunalpolitik

Mit der Kommunalwahl im März hat nachhaltige Mobilität deutlich mehr Gewicht in Gemeinde- und Kreisrat erhalten. Mit Gerhard Hippmann wurde ein Kandidat in den Gemeinderat gehäufelt, der zuvor in der Mobilitätswende aktiv war und speziell mit diesem Thema angetreten war. Auch im Beirat des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Energie und Mobilität (Gerhard Sailer) sowie in der Geschäftsleitung der Gemeindeverwaltung (Astrid Kahle) ist nun Personal mit Mobilitätswende-Vergangenheit vertreten. Nicht zuletzt bringt auch der neue Bürgermeister Michael Sturm wesentlich mehr Verständnis für verträgliche Mobilität mit. Hier besteht also Grund zur Hoffnung für erhöhte Qualität und Quantität in Sachen Verkehrswende – allerdings muss für jede wichtige Entscheidung nach wie vor eine Mehrheit im Gemeinderat gefunden werden.

Im Rahmen der Verhandlungen zur neuen Geschäftsordnung wurde der Arbeitskreis mobil & lebenswert aufgelöst. Das ist bedauerlich, weil er in seinen 29 Sitzungen zwischen Mai 2016 und Dezember 2019 zahlreiche konstruktive Beiträge geliefert und eine besonders unkomplizierte und niederschwellige Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht hatte.

Fahrradstraße

Fast zweieinhalb Jahre nach dem Gemeinderatsbeschluss war es am 21. Juni soweit: Die erste Fahrradstraße „Bahnhof“ in der Gemeinde Weßling wurde von Bürgermeister Michael Sturm feierlich eröffnet. Der Termin wurde zum Auftakt des diesjährigen STAdtradelns gewählt. Dank entspannter Corona-Lage nahmen mehr als 50 Bürgerinnen und Bürger mit den gebotenen Abstandsregeln teil.

In zwei begleitenden Artikeln in UNSER DORF heute und dem Infoblatt der Gemeinde wurden die Verkehrsregeln für Fahrradstraßen sowie die damit verbundenen Vorfahrtsänderungen erklärt. Nicht zuletzt durch den pandemiebedingten Radlboom wurde die Fahrradstraße schnell angenommen und hat sich mittlerweile recht gut eingespielt und etabliert. Dies war im vergangenen Jahr sicherlich der größte Fortschritt unserer Gemeinde in Sachen Verkehrswende.

Radltag

Nach dem Erfolg im Vorjahr musste der zweite Radltag der Nachbarschaftshilfe wegen Corona vom Frühling in den Sommer verschoben werden. Im Rahmen des STAdtradelns fand er am 4. Juli bei schönem Wetter statt. Hauptprogrammpunkt war erneut ein Radlflohmarkt mit stattlichem Angebot und zufriedenstellender Nachfrage. Außerdem wurden wieder Einweisungen für das Lastenpedelec LaRa 1 sowie Reparaturen durch die Radl Werkstatt angeboten. Im Anschluss fand eine Radltour für Neubürger:innen und neugierige Bürger:innen statt, an der erfreulicherweise auch der erste Bürgermeister teilnahm.

STAdtradeln

Als das STAdtradeln 2020 im Frühling vorbereitet wurde war unklar, ob es überhaupt stattfinden kann oder aufgrund von Corona-Maßnahmen abgesagt werden muss. Glücklicherweise war die Lage im Frühsommer eher entspannt, sodass die Aktion mit reduziertem Programm sogar besonders erfolgreich verlief: 450 aktive Teilnehmer:innen radelten in 27 Teams 104.824 Kilometer weit, das mit Abstand beste Ergebnis in der zehnjährigen Stadtradelgeschichte unserer Gemeinde. Sehr erfreulich war auch der erstmalige Landkreissieg in der Kategorie Parlamentarier:innen-Kilometer, mit dem der neue Gemeinderat und die vorbildlich radelnden Bürgermeister den Sprung vom Underdog an die Spitze schafften – herzlichen Glückwunsch!

Sonstiges

Auch im Jahr 2020 lieferte die Mobilitätswende wieder Beiträge zu UNSER DORF heute. Darüber hinaus nahm sie mit einen Leserbrief über unnötige Anschlussstellen sowie einem Beitrag zur Windschutzscheibenperspektive Stellung zu fragwürdiger autozentrierter Verkehrsinfrastruktur.

Zunächst völlig unabhängig von der Mobilitätswende bildete sich im vergangenen Jahr eine Gruppe von ca. 25 Bürgerinnen und Bürgern, die sich für Carsharing interessieren. Mittlerweile wurde der Bedarf analysiert und verschiedene Lösungs- und Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet. Derzeit ist allerdings nicht absehbar, ob sich dieses Projekt im kommenden Jahr bis zur Umsetzung entwickeln wird.

Eine weitere lose Bürger:innen-Initiative hat sich für Verkehrsberuhigung in der Gautinger Straße gebildet. Da es sich um eine Staatsstraße mit Bedeutung für den überörtlichen Kfz-Verkehr handelt, sind die Möglichkeiten der Gemeinde hier allerdings stark eingeschränkt. Entscheidend sind vielmehr die übergeordneten Verkehrsbehörden auf Kreis- und Bezirksebene, welche letztlich die autolobbyfreundliche Verkehrspolitik von Staats- und Bundesregierung gegen Anwohner:innen durchsetzen. Aus diesem Grund war die Mobilitätswende auf Durchgangsstraßen bisher kaum aktiv.

Der Trend vom regelmäßig arbeitenden Team zu projektorientierten Initiativen hat mittlerweile auch die Mobilitätswende erfasst. Die seit der Gründung im Herbst 2012 durchgeführten monatlichen Treffen mit anschließendem Radlstammtisch fanden im Jahr 2020 nicht nur wegen Corona nur noch sporadisch statt. Zudem kostet das kommunalpolitische Engagement der (ehemals) Aktiven einen großen Teil der knappen personellen Ressourcen. Das äußerte sich auch in weniger Aktivität auf dieser Webseite.

Auch im achten Jahr der Mobilitätswende sind leider keine signifikanten Erfolge in Richtung nachhaltige Mobilität erkennbar. Noch immer nutzt die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger selbst für nur wenige hundert Meter lange Wege tonnenschwere Kraftfahrzeuge – und schadet damit der Umwelt, sich selbst und vor allem den Mitmenschen. Neben der über viele Jahrzehnte geförderten Autoabhängigkeit stimmt der pandemiebedingte Einbruch beim öffentlichen Personenverkehr nachdenklich. Grund zur Hoffnung geben hingegen der auch vor Ort belegbar deutlich wachsende Radverkehr, die beschleunigte Verkehrswende in größeren Städten sowie der sich langsam aber sicher drehende verkehrspolitische Wind.

Carsharing nimmt Fahrt auf

Das Interesse an gemeinschaftlich genutzten Autos wächst langsam aber sicher

Seit 2007 hat sich die Anzahl der in unserer Gemeinde zugelassenen Kraftfahrzeuge um fast 700 erhöht. Mit 868 Kfz pro 1000 Einwohner liegt der Motorisierungsgrad weit über dem Bundesdurchschnitt von 701. Diese Entwicklung ist nicht nur hinsichtlich Klimakrise und Ressourcenverbrauch inakzeptabel, sondern wirkt sich auch in hohem Maße negativ auf das Ortsbild und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum aus.

Die gemeinschaftliche Nutzung von Pkws kann bekanntlich dazu beitragen, diesem fatalen Trend entgegenzuwirken. In den letzten Monaten haben sich etwas mehr als 20 Bürgerinnen und Bürger zusammen gefunden, die sich gerne an Carsharing beteiligen möchten. Dabei handelt es sich überwiegend um Menschen, die weitgehend autofrei leben, oder die gelegentlich ein zusätzliches Fahrzeug benötigen, wenn der Familienfuhrpark nicht ausreicht. Bei zwei Treffen wurden Erfahrungen ausgetauscht und Möglichkeiten ausgelotet.

In unserer kleinen Gemeinde kommt nur stationsgebundenes Carsharing in Betracht, bei dem die Fahrzeuge an einem festen Stellplatz stehen, wenn sie nicht genutzt werden. Dabei sind zwei wesentlich unterschiedliche Organisationsformen möglich: Einerseits können die Fahrzeuge durch ein Unternehmen wie STATTAUTO oder die Energiegenossenschaft Fünfseenland bereit gestellt werden. Diese Variante ist zwar vergleichsweise teuer, aber komfortabel und ohne großes Engagement der Nutzerinnen und Nutzer realisierbar. Andererseits kann die Organisation durch einen Verein erfolgen, sodass vorhandene Fahrzeuge eingebracht werden können und auch sonst deutlich mehr Flexibilität gegeben ist. Dabei wäre es möglich, sich einem bestehenden Verein wie z. B. Carsharing Königsbrunn anzuschließen, sodass vor Ort nur Wartung und Pflege der Fahrzeuge zu leisten sind.

Voraussetzung für dauerhaft erfolgreiches Carsharing ist in jedem Fall eine regelmäßige Nutzung der geteilten Autos, welche durch „Grundlastnutzer“ gewährleistet werden kann. Die Gemeindeverwaltung, die Nachbarschaftshilfe und der Gasthof Il Plonner haben dafür Interesse bekundet. Derzeit werden weiter Informationen gesammelt und Interessierte gesucht, um ein tragfähiges Konzept und eine ausreichende Nutzerbasis zu finden.

Weitere Informationen zum Thema Carsharing in der Gemeinde Weßling gibt es unter Projekte/Carsharing. Bitte melden Sie sich unter carsharing(at)mobilitaetswende-wessling.de, wenn auch Sie Interesse daran haben, durch Carsharing die Kfz-Belastung unserer Gemeinde zu verringern und nachhaltiger mobil zu werden.