Mobil für einen Euro

von Gerhard Sailer für UNSER DORF heute

„Das ist ja Anna!“ – Wir hatten unser 9-€-Ticket für einen Ausflug nach München genutzt und waren gerade in Starnberg in den 955er Bus eingestiegen, als wir Anna entdeckten, die vor drei Jahren nach Mexiko gezogen war und jetzt zu Besuch in Starnberg weilte. Schnell sprang sie zu uns in den Bus und fuhr spontan mit uns nach Hochstadt. Auch sie hatte ein 9-€-Ticket und brauchte nicht auf Kosten, Zonen oder Ringe zu achten. Dabei hatte es ihr schon vor dem Tarifsystem in München gegraut, als sie in Mexiko abflog.

Ja, so einfach und attraktiv kann Nahverkehr sein! Wir hatten uns jeden Monat das Ticket geholt. Es lohnte sich ja schon bei einer einzigen Fahrt nach München, aber auch bei einem Ausflug mit den Enkelkindern nach Starnberg und einer Städtetour nach Freiburg kam es zum Einsatz, und bei unseren Fahrten ins Sauerland benutzten wir es für die Teilstrecke ab Frankfurt.

Inzwischen quälen wir uns wieder mit M+2 für 10,10 € am Tag und es häufen sich die Hiobsbotschaften zum Nahverkehr: Preiserhöhung um 6,2 %, Fahrpläne werden wegen fehlender Fahrer ausgedünnt, zweite Stammstrecke verteuert und verzögert sich …

Und als Anschlusslösung für das 9-€-Ticket wird ein Ticket für 69 € diskutiert. Das mag sich für manche Berufspendler lohnen, aber doch nicht für Menschen, die eher selten und zudem ganz unregelmäßig Wege mit den Öffentlichen zurücklegen wollen. Dafür bräuchte es günstige Tagestickets, die auch nicht gleich in der ganzen Republik gelten müssten, dafür aber überall zu den gleichen Bedingungen!

1 Tag – 1 Landkreis – 1 € – das wäre es doch! Ich kaufe mir für 1 € eine Tageskarte für den Landkreis und fahre morgens zum Arzt nach Gilching dann weiter zum Einkaufen nach Weßling und schließlich mache ich noch einen Ausflug an den Ammersee. Und wenn ich nach München fahren will, buche ich für 3 € STA, FFB und M und bin den ganzen Tag damit unterwegs. Wer für fünf Landkreise bezahlt hat, darf damit im ganzen Land einen Tag lang den Nahverkehr benutzen. Auf Tarifplänen müssen nur jeweils die Landkreise in der Umgebung in unterschiedlichen Farben und mit den Buchstaben, die jeder vom Autokennzeichen kennt, dargestellt werden. Kinder sind frei, junge Menschen zwischen 15 und 25 sowie ältere ab 75 zahlen die Hälfte.

Anstatt unnötig weite Wege zu fördern, wird die regionale Wirtschaft gestärkt, weil Ziele im eigenen Landkreis am günstigsten zu erreichen sind – für Kunden ebenso, wie für Mitarbeiterinnen. Landkreise, die ein gutes Angebot schaffen, werden von Land und Bund entsprechend gefördert. Die Mittel dafür werden durch den Abbau von Subventionen für den Kfz-Verkehr frei. Wenn dann noch der öffentliche Verkehr zusammen mit Fußgängern und Radfahrern seinen Anteil am Gesamtverkehr von Jahr zu Jahr steigert, so gibt es zusätzliche Mittel. Auf diese Weise ist jeder Landkreis daran interessiert, nicht nur Bus- und Zugverkehr zu verbessern, sondern parallel dazu die Attraktivität für Autofahrten durch das Reduzieren von Parkmöglichkeiten und die Umgestaltung von Verkehrsräumen zugunsten von Fußgängern und Radfahrern zu reduzieren.

Mobilität wird im ganzen Land günstiger, einfacher und umweltschonender – man muss es nur wollen!

Mobilitätstag der Gemeinde Weßling

von Gerhard Hippmann für UNSER DORF heute

In diesem Jahr beteiligte sich der Landkreis Starnberg erstmalig an der Europäischen Mobilitätswoche. Seit 2002 bietet diese Kommunen in Europa die Möglichkeit, ihren Bürgerinnen und Bürgern die ganze Bandbreite nachhaltiger Mobilität vor Ort näher zu bringen. Die Gemeinde Weßling war dabei und veranstaltete am 16. September in Kooperation mit der Mobilitätswende Weßling einen Mobilitätstag.

Die Gemeinde informierte über aktuelle Projekte wie fahrradfreundliche Kommune, öffentliche E-Auto-Ladesäulen, das Förderprogramm für Lastenräder und Fahrradanhänger und Buslinien. Außerdem wirkten Vertreter von ADFC, VCD, der STEP Mobility GmbH und der Energiegenossenschaft Fünfseenland mit und präsentierten Infos zu kindgerechter Mobilität und Schulwegsicherheit, über das neue Business-Ridesharing-Portal in Weßling, Gilching und Seefeld, sowie über das im kommenden Jahr startende Rathaus-E-Carsharing. Die für Kinder und Senioren angebotenen Rikscha-Rundfahrten sowie Probefahrten mit dem ausleihbaren Lastenpedelec LaRa 1 der Nachbarschaftshilfe fielen leider – wie so vieles im September – weitgehend ins Wasser.

STAdtradeln-Siegerehrung beim Mobilitätstag im Pfarrstadel

Am Abend ehrte Bürgermeister Michael Sturm die Gewinner-Teams des STAdtradelns 2022. Nach einem feierlichen Imbiss schloss der Mobilitätstag mit einem von UNSER DORF beigetragenen Kinofilm. Einmal mehr hat sich der Pfarrastadel als ganz besonders vielseitiger und stimmungsvoller Veranstaltungsort erwiesen.

Es ist entwicklungsbedingt unmöglich: Kinder werden nie verkehrsgerecht sein. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass der Verkehr kindgerecht gestaltet werden muss. Mindestens im Schulumfeld und bestenfalls mit Ausdehnung im gesamten Gemeindebereich.

Aus dem Leitfaden Freiraum Schulweg der AGFK Bayern, August 2021.

Old-School-Verkehrsplanung für neue Schule

Nach jahrelanger Konzeption und Planung beschloss der Gemeinderat am 11. Mai die Verkehrsplanung für die neue Grundschule. Das Ergebnis ist enttäuschend, denn statt kindgerechter und menschenfreundlicher Gestaltung des öffentlichen Raums und nachhaltiger Mobilität steht die uneingeschränkte Nutzung durch Kfz jeder Größenordnung im Vordergrund.

Verkehrsplanung für die neue Grundschule (Norden bzw. Ortsmitte rechts im Bild)

Organisation und Standort

Es ist nachvollziehbar, dass sich der Schulbetrieb durch die Zusammenlegung der Schulhäuser an einen Standort einfacher und effizienter organisieren lässt. Doch hinsichtlich Mobilität entsteht dadurch der gravierende Nachteil, dass die Schule für einen großen Teil der Schüler:innen nicht mehr zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar ist. Dieses Problem wird durch den überhaupt nicht zentral gelegenen Standort am westlichen Ende der Gemeinde noch erheblich verschärft. So widersprechen Einhäusigkeit und Standort diametral dem klugen Konzept der Gemeinde der kurzen Wege, welches eine wichtige Voraussetzung für die notwendigerweise nachhaltige Mobilität der Zukunft darstellt.

Darüber hinaus sind durch die Standortwahl Konflikte mit dem Radverkehr zu erwarten, denn sowohl der Meilinger Weg als auch der Steinebacher Weg stellen hoch priorisierte Radrouten dar, welche zudem im Bereich des neuen Schulhauses abschüssig verlaufen. Sehr gefährlich für Radler:innen ist offensichtlich auch die Situation an der von der Hauptstraße den Meilinger Weg kreuzenden Parkplatzzufahrt für Kfz.

Kfz-Stellplätze und Fahrradabstellplätze

Stellplatzsatzungen wurden erfunden, um die Motorisierung zu fördern. In der Gemeinde Weßling gilt eine Stellplatzsatzung (bzw. die bayerische GaStellV), die diesbezüglich Nägel mit Köpfen macht: Für die Sport- und Grundschulanlagen fordert sie nicht weniger als 113 Stellplätze! Dieses offenkundig absurd hohe Maß wird im Bebauungsplan durch merkwürdige Zahlenspiele auf 71 reduziert, was zufällig der für Parkplätze maximal zur Verfügung stehenden Fläche entspricht. Doch auch damit wird es in Zukunft nahezu jederzeit ein Überangebot an Stellplätzen geben, das Sporttreibende, Eltern und Schulpersonal zur Anfahrt mit dem Auto einlädt.

Deutlich weniger großzügig wurden die Fahrradabstellplätze für die neue Schule geplant. Während an den bisherigen Schulhäusern in Oberpfaffenhofen und Weßling jeweils 36 überdachte Plätze zur Verfügung standen, enthielt die neue Planung nur 24 überdachte und 36 nicht überdachte Plätze. Durch eine nachträgliche Optimierung gelang es immerhin, erstere auf 30 zu erhöhen – was allerdings noch immer einen deutlichen Rückschritt für den Radverkehr darstellt.

Schulweg für Kinder

Das ursprüngliche Verkehrskonzept für die neue Schule ging von einer Vorstudie aus, nach der etwa 70 % der Schulkinder durch den östlichen Steinebacher Weg zur Schule gelangen. Um Gefährdungen durch Kfz-Verkehr zu vermeiden sah es vor, den Abschnitt zwischen Max-Doerner-Weg und der Hauptstraßen-Unterführung für den Kfz-Verkehr zu sperren. Für den Bring- und Holverkehr wurden stattdessen Längsparkplätze auf dem Parkplatz geplant, welcher nur über die Hauptstraße erreichbar ist.

Dieses schlüssige und kinderfreundliche Konzept wurde jedoch vom Gemeinderat mehrheitlich verworfen. Um Umwege für den Kfz-Verkehr zu vermeiden, wird der Steinebacher Weg nun doch nicht autofrei werden. Durch diese Fehlentscheidung entsteht ein attraktiver Rundkurs für Elterntaxis über nördlichen Meilinger Weg und östlichen Steinebacher Weg, sodass mit erheblichen Gefährdungen von zu Fuß gehenden und radelnden Schulkindern zu rechnen ist. Zudem liegen sowohl die offiziellen wie auch die inoffiziellen Elterntaxihaltestellen wesentlich näher am Schulgebäude als der selbst vom ADAC empfohlene Mindestabstand von 250 Metern.

Es ist freilich nicht ungewöhnlich, dass ein bayerischer Gemeinderat aus der Windschutzscheibenperspektive entscheidet. Im Fall der Grundschule kommt jedoch hinzu, dass auch der Verkehrsplaner in erster Linie die Belange des Kraftverkehrs im Blick hatte, anstatt nach kindgerechten Lösungen zu suchen. Dies zeigte sich insbesondere in seiner ablehnenden Haltung zur Einrichtung eines verkehrsberuhigten Bereichs im westlichen Steinebacher Weg sowie von Fußgängerüberwegen (Zebrastreifen) als Querungshilfen für die Schulkinder.

Fazit

Insgesamt ist die Verkehrsplanung der neuen Schule weder hinsichtlich Schulwegsicherheit noch bezüglich nachhaltiger und menschenfreundlicher Mobilität zukunftsweisend. Denn eine Gestaltung des öffentlichen Raums, durch die Kraftverkehr höchste Priorität genießt und schwache Verkehrsteilnehmer:innen wie Fußgänger:innen, Radfahrer:innen und insbesondere Kinder an den Rand gedrängt werden, läuft der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung zuwider und ist somit ein Auslaufmodell. Nicht verkehrsgerechten Kindern, sondern kindgerechtem Verkehr gehört die Zukunft.

Den Nutzenden des öffentlichen Verkehrs eine Gratismentalität zu unterstellen, ist mehr als zynisch. Das Auto wird jährlich mit mehr als 50 Milliarden Euro von allen Steuerzahlenden finanziert. Wenn es eine Gratismentalität gibt, dann ist es die, permanent den öffentlichen Raum für das Parken von privaten Autos in Anspruch zu nehmen.

Aus dem Interview Ein 29-Euro-Ticket, das auch im ICE gilt mit Andreas Knie auf klimareporter.de am 29. August 2022.

Rathaus-Carsharing für die Gemeinde Weßling

Die aktuellen Krisen lassen erkennen, dass die Zukunft von zunehmender Energie- und Ressourcenknappheit geprägt sein wird. Für unsere Mobilität folgt daraus, dass der Zustand der Übermotorisierung mit privaten Pkw nicht aufrecht erhalten werden kann. Daher ist die gemeinschaftliche Nutzung von Autos sinnvoll und zukunftsweisend.

Vor zwei Jahren versuchten einige Bürger:innen, ein Carsharing-Angebot in der Gemeinde Weßling zu initiieren. Die Mobilitätswende griff die Initiative auf und lotete in mehreren Treffen und Besprechungen aus, wie Autoteilen vor Ort funktionieren könnte. Die zunächst favorisierten Modelle mit Bildung oder Anschluss an einen Verein erwiesen sich als nicht praktikabel, weil niemand die Betreuung eines Fahrzeugs übernehmen wollte. Unterdessen reifte in der Gemeindeverwaltung die Idee, ein Dienstfahrzeug anzuschaffen, das neben der dienstlichen Nutzung für Carsharing zur Verfügung steht.

EGF/STATTAUTO-Carsharing in der Gemeinde Pöcking

Am letzten Dienstag wurde das Vorhaben vom Gemeinderat einstimmig beschlossen. Voraussichtlich ab Anfang 2023 wird die Energiegenossenschaft Fünfseenland (EGF) ein Elektroauto (Renault ZOE E-Tech) bereit stellen, das vor dem Rathaus stationiert und geladen wird. Die Gemeindeverwaltung wird das Fahrzeug als „Grundlastnutzer“ vornehmlich während der Dienstzeiten nutzen. In der restlichen Zeit steht es für Carsharing über STATTAUTO, dem größten Anbieter stationsbasierten Carsharings im Raum München mit mehr als 17.000 Teilnehmer:innen und 450 Fahrzeugen, zur Verfügung.

Eine STATTAUTO-Mitgliedschaft hat den Vorteil, dass auch Fahrzeuge an anderen Standorten (z. B. Gilching, Hechendorf, Gauting, Starnberg) und anderer Klassen (Miniklasse bis Transporter) genutzt werden können. Darüber hinaus ist es möglich, Fahrzeuge anderer Carsharing-Organisationen in vielen deutschen Städten zu nutzen.

Die Einführung von Carsharing stellt einen wichtigen Schritt in Richtung nachhaltige Mobilität in der Gemeinde Weßling dar. Nun kommt es darauf an, das Angebot zum Erfolg zu machen und sukzessive auszubauen.

Straßen für Menschen

Weßlings Hauptstraße für Menschen auf einer Postkarte aus dem Jahr 1905 (Gemeindearchiv Weßling)

von Gerhard Hippmann für UNSER DORF heute

„Nichtmotorisierter Verkehr ist bevorzugt“ lautet eine der Entwicklungsleitlinien des im Jahr 2004 erarbeiteten und beschlossenen Leitbilds der Gemeinde Weßling. Ein hehres Ziel, das bisher nur punktuell erreicht wurde, denn unsere Straßenverkehrsordnung ist längst nicht mehr zeitgemäß und priorisiert noch immer klar den Kfz-Verkehr. „Wer zu Fuß geht, hat Fahrbahnen unter Beachtung des Fahrzeugverkehrs zügig auf dem kürzesten Weg quer zur Fahrtrichtung zu überschreiten“ steht etwa in § 25. Seit nunmehr 85 Jahren werden Fußgänger:innen auf Gehwege verbannt und verpflichtet, den Fahrzeugverkehr möglichst wenig zu stören. Dass Straßen über Jahrhunderte Orte der Begegnung waren, wo sich völlig selbstverständlich Menschen trafen und Kinder spielten, erscheint uns heute ziemlich merkwürdig. Ist unser Leitbild also utopisch?

Verkehrszeichen Verkehrsberuhigter Bereich

Das trifft zum Glück nur teilweise zu, denn selbst die deutsche StVO räumt mitunter nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmer:innen Vorrang ein. Neben Fahrradstraßen stechen hier insbesondere Verkehrsberuhigte Bereiche hervor (die fälschlicherweise häufig als Spielstraßen bezeichnet werden). Hier steht die sonst übliche Straßennutzung auf dem Kopf: Fahrzeuge dürfen nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren, und im gesamten Straßenraum genießen Fußgänger:innen Vorrang und dürfen Kinder spielen. Straßen für Menschen also, die höchste Aufenthaltsqualität bieten und voll und ganz unserem Leitbild entsprechen.

Allerdings ist es nicht zulässig, einfach alle Gemeindestraßen zum Verkehrsberuhigten Bereich zu erklären. In Betracht kommen Wohnstraßen ohne Gehwege mit geringem Fahrverkehrsaufkommen. Diese sollen durch ihre bauliche Gestaltung oder Möblierung den Eindruck vermitteln, dass die Aufenthaltsfunktion überwiegt. Interessant ist, dass das Parken nur auf markierten Stellplätzen gestattet ist. So wird ermöglicht, eine übermäßige Nutzung des öffentlichen Raums durch „ruhenden Verkehr“ zu vermeiden – ganz ohne Schilderwald und Eingriff ins Baurecht.

Bisher gibt es in unserer Gemeinde zwei Verkehrsberuhigte Bereiche (Höhenrainäcker, Herbststraße/Winterweg). Eine Reihe weiterer Straßen erfüllt die Voraussetzungen dafür. Fortschritte im Sinne unseres Leitbilds sind hier leicht erzielbar.