Carsharing nimmt Fahrt auf

Das Interesse an gemeinschaftlich genutzten Autos wächst langsam aber sicher

Seit 2007 hat sich die Anzahl der in unserer Gemeinde zugelassenen Kraftfahrzeuge um fast 700 erhöht. Mit 868 Kfz pro 1000 Einwohner liegt der Motorisierungsgrad weit über dem Bundesdurchschnitt von 701. Diese Entwicklung ist nicht nur hinsichtlich Klimakrise und Ressourcenverbrauch inakzeptabel, sondern wirkt sich auch in hohem Maße negativ auf das Ortsbild und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum aus.

Die gemeinschaftliche Nutzung von Pkws kann bekanntlich dazu beitragen, diesem fatalen Trend entgegenzuwirken. In den letzten Monaten haben sich etwas mehr als 20 Bürgerinnen und Bürger zusammen gefunden, die sich gerne an Carsharing beteiligen möchten. Dabei handelt es sich überwiegend um Menschen, die weitgehend autofrei leben, oder die gelegentlich ein zusätzliches Fahrzeug benötigen, wenn der Familienfuhrpark nicht ausreicht. Bei zwei Treffen wurden Erfahrungen ausgetauscht und Möglichkeiten ausgelotet.

In unserer kleinen Gemeinde kommt nur stationsgebundenes Carsharing in Betracht, bei dem die Fahrzeuge an einem festen Stellplatz stehen, wenn sie nicht genutzt werden. Dabei sind zwei wesentlich unterschiedliche Organisationsformen möglich: Einerseits können die Fahrzeuge durch ein Unternehmen wie STATTAUTO oder die Energiegenossenschaft Fünfseenland bereit gestellt werden. Diese Variante ist zwar vergleichsweise teuer, aber komfortabel und ohne großes Engagement der Nutzerinnen und Nutzer realisierbar. Andererseits kann die Organisation durch einen Verein erfolgen, sodass vorhandene Fahrzeuge eingebracht werden können und auch sonst deutlich mehr Flexibilität gegeben ist. Dabei wäre es möglich, sich einem bestehenden Verein wie z. B. Carsharing Königsbrunn anzuschließen, sodass vor Ort nur Wartung und Pflege der Fahrzeuge zu leisten sind.

Voraussetzung für dauerhaft erfolgreiches Carsharing ist in jedem Fall eine regelmäßige Nutzung der geteilten Autos, welche durch „Grundlastnutzer“ gewährleistet werden kann. Die Gemeindeverwaltung, die Nachbarschaftshilfe und der Gasthof Il Plonner haben dafür Interesse bekundet. Derzeit werden weiter Informationen gesammelt und Interessierte gesucht, um ein tragfähiges Konzept und eine ausreichende Nutzerbasis zu finden.

Weitere Informationen zum Thema Carsharing in der Gemeinde Weßling gibt es unter Projekte/Carsharing. Bitte melden Sie sich unter carsharing(at)mobilitaetswende-wessling.de, wenn auch Sie Interesse daran haben, durch Carsharing die Kfz-Belastung unserer Gemeinde zu verringern und nachhaltiger mobil zu werden.

Windschutzscheibenperspektive

Die Straßenausstattung der Gemeinde Weßling hat häufig alleine den Kraftverkehr im Blick. So wird der verträgliche, nicht motorisierte Verkehr nicht nur durch die überholte Straßenverkehrsordnung, sondern zusätzlich aufgrund ihrer autozentrierten Umsetzung benachteiligt. Dabei werden Fußgänger:innen und Radler:innen sicherlich nicht bewusst diskriminiert, sondern aufgrund subjektiver Wahrnehmung in den zuständigen Behörden unabsichtlich übersehen. So bleibt im Unterbewusstsein der Verkehrsteilnehmer:innen der Kraftverkehr das Maß der Dinge – und die soziale Inklusion nicht motorisierter Menschen ist nicht gewährleistet.

Wo bin ich?

Wer zu Fuß oder mit dem Radl auf dem Geh- und Radweg aus Richtung Delling kommt, erspäht zunächst links Sportstätten, um dann nach einem Gefälle mit einem Stop-Verkehrszeichen in unserer Gemeinde begrüßt zu werden. Da es keine Ortstafel gibt tappen Ortsfremde im Dunkeln, in welchem Ort sie sich befinden. Es versteht sich von selbst, dass an der parallel verlaufenden Hauptstraße eine Ortstafel steht, die allerdings vom Meilinger Weg aus nicht einsehbar ist.

Am Ende der Welt

Die Grünsinker Straße ist hinter der Grünsinker Kapelle für den Kfz-Verkehr gesperrt, stellt aber eine bedeutende Radverkehrsverbindung nach Etterschlag und Schluifeld/Steinebach dar. Dennoch fehlt auf der Ortstafel an der Weßlinger Ortsausfahrt die Angabe der nächsten Ortschaft – die Beschilderung erfolgte offenbar allein aus Sicht des hier eigentlich unbedeutenden Kraftverkehrs.

Radweggenehmigungspflicht

Wer dennoch weiter in Richtung Grünsink radelt, trifft auf das Verkehrszeichen „Gemeinsamer Geh- und Radweg“ mit Zusatzzeichen „Durchfahrt nur mit Genehmigung“. Das macht zwar aus Windschutzscheibenperspektive Sinn, doch für Radlerinnen und Radler ist völlig rätselhaft, warum sie eine Genehmigung für die Durchfahrt brauchen und wie sie diese bekommen können.

Geheimnisvolle Straßennamen

An der Ortsausfahrt in Richtung Gilching auf Höhe der Einmündung Nelkenweg geht die Hauptstraße in die Münchener Straße über. Wie üblich werden hier die Verkehrsteilnehmer:innen mit entsprechenden Straßennamensschildern informiert. Diese sind allerdings einseitig ausgeführt, sodass sie nur für den Kfz-Verkehr ablesbar sind. Benutzer:innen des stark frequentierten Geh- und Radwegs wurden einmal mehr nicht berücksichtigt.

Spieglein, Spieglein

Im Leitgarten befindet sich an der Einmündung in die vorfahrtsberechtigte Hochstadter Straße ein Verkehrsspiegel, der die Sicht in Richtung Süden verbessert. Obwohl vom gegenüber liegenden Ende des Weges zur Ettenhofener Straße die Sichtbeziehung nach Norden noch wesentlich schlechter ist, suchen Fußgänger:innen und Radler:innen dort vergeblich nach einem Verkehrsspiegel. Anscheinend sind nur motorisierte Verkehrsteilnehmer:innen diesen Aufwand wert.

Richtungsweisend

Als die Bahnhofstraße zur Einbahnstraße erklärt wurde, war der Radverkehr von Beginn an auch in Gegenrichtung zugelassen – sehr gut! Allerdings wurden dieses Jahr zur Verdeutlichung bzw. Erinnerung Richtungspfeilmarkierungen ergänzt, die einmal mehr völlig sinnfrei für den Radverkehr sind.

Auch die Beschilderungen zur vorgeschriebenen Fahrtrichtung in sämtlichen Einmündungen sind für Radler:innen einfach Nonsens.

Diese Beispiele belegen nicht nur, dass auch in der Gemeinde Weßling unter Verkehr häufig nur Kraftverkehr verstanden wird. Sie verdeutlichen auch, wie bedeutsam die Einrichtung der ersten Fahrradstraße ist, denn sie stellt ein klares Bekenntnis zum Ziel „nichtmotorisierter Verkehr wird bevorzugt“ aus dem Leitbild der Gemeinde dar. Insofern besteht Hoffnung, dass die genannten Mängel in absehbarer Zeit beseitigt werden.

Die Mobilitätswende ist für uns Teil einer notwendigen sozialökologischen Transformation, die neben der Frage der Mobilität folgende radikale Kurswechsel umfasst: eine Energiewende, die erneuerbare Energien in Bürger:innenhand setzt, eine Agrarwende, die statt exportgetriebener Massenproduktion auf die Förderung ökologisch-solidarischer Landwirtschaft setzt und eine industrielle Abrüstung, in der überflüssige – zuallererst Rüstung – durch gesellschaftlich nützliche Produktion ersetzt wird.

Aus der Einleitung des AttacBasisTexts Klimagerechte Mobilität für alle von Achim Heier, 2020.

Neue Rekorde für Weßling beim STAdtradeln

Seit 2011 nimmt die Gemeinde Weßling an der Klimaschutzaktion Stadtradeln teil. Wegen der Corona-Krise war vorab ungewiss, wie in diesem Jahr die Beteiligung ausfällt. Jetzt steht fest: auch in unserer Region hat das Virus den Radverkehr erheblich beflügelt.

STAdtradel-Ergebnisse seit 2011

In den drei Wochen vom 21. Juni bis 11. Juli radelten für unsere Gemeinde 450 aktive Teilnehmer:innen in 27 Teams 104.824 Kilometer weit. Damit wurde der Rekord von 93.374 km aus dem Jahr 2018 deutlich übertroffen. In der Wertung Kilometer pro Einwohner:in erzielte Weßling mit 19,14 km einmal mehr das mit Abstand beste Ergebnis im Landkreis.

Eine große Überraschung gab es in der Kategorie Parlamentarier:innen-Kilometer, in die nur Gemeinderät:innen und Bürgermeister:innen eingehen. Mit einer Beteiligung von 13 von 21 = 62 % und 2943 gefahrenen Kilometern war Weßling erstmalig auch hier die Nummer eins im Landkreis. Das ist wirklich erstaunlich, denn vor zwei Jahren landeten die Weßlinger Kommunalpolitiker:innen noch auf dem letzten Platz. Hier zeigt sich die Wirkung eines vorbildlich und mitreißend voraus radelnden Bürgermeisters und das kooperative Miteinander im neu gewählten Gemeinderat. Wir sind begeistert – weiter so!

Alle STAdtradel-Ergebnisse gibt es hier.

Wie funktionieren Fahrradstraßen?

von Gerhard Hippmann für Unser Dorf heute mit Aktualisierungen

„Nichtmotorisierter Verkehr ist bevorzugt” lautet eines der Ziele des Leitbilds der Gemeinde Weßling. Mit der Eröffnung der ersten Fahrradstraße am 21. Juni wurde endlich ein deutlicher Fortschritt in diese Richtung erzielt. Die gesamte Schulstraße, das südliche Ende des Walchstadter Wegs und der Meilinger Weg werden dann mit dem Verkehrszeichen „Fahrradstraße” und dem Zusatzzeichen „Kraftfahrzeuge frei” beschildert. Damit ändern sich die Verkehrsregeln laut StVO wie folgt:

  1. Für alle Fahrzeuge gilt Tempo 30 als zulässige Höchstgeschwindigkeit.
  2. Das Nebeneinanderfahren mit Fahrrädern ist ausdrücklich erlaubt.
  3. Der Radverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Kfz-Verkehr die Geschwindigkeit weiter verringern.

Alle anderen Verkehrsregeln ändern sich durch die Erklärung zur Fahrradstraße nicht. Insbesondere gilt weiterhin das Rechtsfahrgebot, und Kraftfahrzeuge dürfen Radfahrende überholen, wenn sie dabei den seitlichen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern und Tempo 30 einhalten. Unverändert bleiben außerdem Parkflächen sowie Vorfahrtsregelungen an Einmündungen und Kreuzungen. Allerdings wurde die Vorfahrt an der Kreuzung mit der Grünsinker Straße bereits geändert, und bei Eröffnung der Fahrradstraße wurden auch die Regelungen an den beiden Einmündungen in den Walchstadter Weg angepasst, sodass der Radverkehr Vorfahrt genießt.

Verlauf der ersten Weßlinger Fahrradstraße mit geänderten Vorfahrtsregelungen

In Fahrradstraßen ist die Fahrbahn in erster Linie zum Radeln da. Kraftfahrzeuge spielen nur eine Nebenrolle. Sie sind verpflichtet, ihre Geschwindigkeit zu verringern und besonders rücksichtsvoll zu fahren. So machen Fahrradstraßen das Radeln sicherer und attraktiver. Gleichzeitig entschleunigen und verringern sie den Kfz-Verkehr, sodass die Lebensqualität steigt und die Umweltbelastung sinkt.

Um unserem Leitbild durch Fahrradstraßen näher zu kommen, müssen alle Verkehrsteilnehmer nicht nur die Verkehrsregeln kennen, sondern auch bewusst und uneigennützig umsetzen. Helfen Sie mit, die neue Fahrradstraße zum Erfolgsmodell zu machen!

Corona – wenn uns ein Virus die Wege weist…

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Manchmal musste ich während der vergangenen Wochen an das Jahr 1986, die Wochen und Monate nach Tschernobyl denken. Von einem Tag auf den anderen durften die Kinder nicht mehr draußen spielen und keine Milch mehr trinken. Das was uns Angst machte, die Radioaktivität, war genauso unsichtbar, wie jetzt das Virus. Wir mussten plötzlich überlegen, wie wir mit einer bisher unbekannten Bedrohung umgehen sollten. Auch jetzt treffen uns alle tiefgreifende Einschränkungen. Und es gibt kaum einen Bereich, auf den sie sich so gravierend auswirken, wie auf unser Mobilitätsverhalten: Home-Office statt Pendeln, Spaziergang statt Fahrt in die Berge, Lernen im Wohnzimmer und Spielen daheim, statt mit dem Schulbus in die Schule und dem Elterntaxi zum Training, Fahrrad statt Bus und S-Bahn, Ausgleich suchen in der Natur vor der Haustür statt Flug in die Ferne …

Für die einen ist dies Belastung und Einschränkung, andere empfinden Erleichterung und genießen es, zur Ruhe zu kommen. Der Himmel ist so blau wie schon ganz lange nicht mehr, und wenn ein Kondensstreifen zu sehen ist, ist es eine Besonderheit, wie damals in unserer Kindheit. Wo sonst der Autolärm alles überdeckt, ist jetzt wieder Vogelgezwitscher zu hören. Anstatt das Auto zu nehmen gehen wir zu Fuß zum Einkaufen – müssen uns ja eh bewegen und Zeit haben wir auch.

Und wie sie bei den Menschen das Gute und das Schlechte, die Hilfsbereitschaft der einen und den Egoismus der anderen, zum Vorschein bringt, so lässt uns die Krise auch ansonsten erkennen, was in unserem Alltag besser laufen könnte – oder sogar müsste?

Sprit so billig wie lange nicht – aber keiner tankt.

In unseren Orten sind plötzlich viele Fußgänger unterwegs, aber wenn sie Abstand zu Menschen, die ihnen entgegen kommen, halten wollen, sind die Gehwege zu eng und sie müssen weit auf die Fahrbahn ausweichen. Die wenigen Autos sollten viel vorsichtiger und langsamer unterwegs sein. Vielleicht wäre doch Shared Space im Ort eine Lösung, also die gleichberechtigte Nutzung des Straßenraums durch alle Verkehrsteilnehmer.

„Opa, auf der Straße von Unering nach Hochstadt konnten wir gar nicht schnell fahren. Da waren so viele Radler unterwegs, das war wie auf einem Radweg!“ erzählt mir mein Enkelkind ganz aufgeregt. Aber warum gibt es hier noch immer keinen Radweg?

„Unsere Fahrräder und vor allem die E-Bikes haben scheinbar das Toilettenpapier als Produkt der Begierde abgelöst“ berichtet ein Fahrradhändler. Toll, dass das Fahrrad so einen Boom erlebt, aber wenn wir den Radfahrern nicht mehr Platz einräumen, wird es mit der Begeisterung der neuen Radler bald wieder vorbei sein.

Denn auch solche Meldungen gibt es: „Radfahrerin übersieht Auto und kommt mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus“ schreibt der Kreisbote zu einem Unfall auf der Westumfahrung Starnberg. Beim Bau der Umfahrung hieß es, Radler seien hier nicht mehr erwünscht. Es würden Alternativrouten für sie geschaffen. Diese Alternativen für Radfahrer gibt es immer noch nicht.

„Doch gut, dass immer so große Linienbusse im Einsatz sind. Sechs oder sieben Fahrgäste können sich da gut verteilen!“ denke ich mir auf der Fahrt mit dem 955er nach Starnberg. Wenn es enger wäre, würde ich mich doch unwohl fühlen.

„Entschuldigung, könnten Sie mir etwas Wasser in meine Flasche füllen? Es ist ja nirgends etwas offen.“ bittet mich ein ziemlich verzweifelter Rennradler, der mich im Vorgarten sieht. Trinkwasserspender in unseren Orten wären für viele Wanderer und Radfahrer eine willkommene Hilfe.

Noch niemand ist vorwärts gekommen, indem er rückwärts gelaufen ist. Wir sollten die Gunst der Stunde für die Verkehrswende nutzen, alles andere wäre eine verpasste Chance.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann bei der Veranstaltung MobilitätsIMPULSE am 20. Mai 2020.