Archiv des Autors: Gerhard Hippmann

Verkehrswende in Zeitlupe

Die Änderung der Vorfahrtsregelung Schulstraße/Grünsinker Straße ist ein Vorbote der Widmung zur Fahrradstraße – und der einzige Verkehrswende-Fortschritt in der Gemeinde seit mehr als einem Jahr.

Als sich die Mobilitätswende Weßling im Herbst 2012 formierte, waren die Begriffe Verkehrswende und Mobilitätswende noch weitgehend unbekannt. Heute ist das Thema ein Dauerbrenner in den Medien. Durch diskursprägende Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion hat sich der Trend in den vergangenen Monaten weiter verstärkt. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass ein weiter so – insbesondere im Mobilitätsbereich – unmöglich ist und die Weichen so schnell wie möglich auf Nachhaltigkeit gestellt werden müssen. Denn der gigantische Ressourcenbedarf, die desaströse Natur- und Umweltbelastung, aber auch die fortschreitende Entwertung des öffentlichen Raums durch massenhafte Kfz-Nutzung sind nicht länger verantwortbar.

Die heutige Situation wurde verursacht durch die große Politik auf Bundes- und Landesebene, in der sich nach wie vor alles und jeder dem Streben nach unendlichem Wirtschaftswachstum unterordnen muss und Konzerninteressen mit höchster Priorität behandelt werden. Das immer wieder offenkundig absurde Agieren des Bundesverkehrsministers in den letzten Monaten lässt weiterhin nicht erwarten, dass sich daran etwas Wesentliches ändern wird. Deshalb kann die Verkehrswende nur auf kommunaler Ebene und durch Verhaltensänderungen von Bürgerinnen und Bürgern Wirklichkeit werden. Die lebenswertesten Metropolen wie Kopenhagen oder Wien führen dies bereits eindrucksvoll vor, aber auch in Berlin und München bewegt sich mittlerweile viel in Richtung nachhaltige Mobilität.

Gebrauchtwagenschau beim Grünsinker Fest: Die Gemeinde lädt weiterhin zur Autonutzung ein.

Wie geht unsere Gemeinde mit dieser Verantwortung um? Rückmeldungen der Bürgerinnen und Bürger und Entscheidungen des Gemeinderats stimmen zunehmend hoffnungsvoll. Aber Bürgermeister und Verwaltung fehlen häufig das Verständnis und die Kompetenz, um Maßnahmen im Sinne der Verkehrswende mit der gebotenen Priorität aufzugreifen und umzusetzen. Dabei werden gerne Bedenkenträger aus gleichermaßen rückwärtsgewandten Behörden wie Landratsamt, Straßenbauamt oder Verkehrspolizei ins Feld geführt.

So kommt es, dass einige der vor einem Jahr hier präsentierten Maßnahmen immer noch nicht realisiert wurden: Die am 23. Januar 2018 vom Gemeinderat beschlossene Einrichtung der Fahrradstraßen steht weiterhin aus. Obwohl für die Erneuerung der Fahrradabstellanlagen am Bahnhof seit etwa einem Jahr aufwändig erarbeitete Konzeptplanungen und umfangreiches Knowhow zur Umsetzung und Förderung vorliegen, sind in diesem Projekt keine Fortschritte erkennbar, und Weßling wird schon bald der letzte S-Bahnhof der südwestlichen S8 mit völlig veralteten Radlständern sein. Und auch die am 23. Oktober 2018 beschlossene Erweiterung der Fahrrad- und Rollerabstellanlage am Schulhaus Weßling steckt noch immer in der Verwaltung fest. In anderen Kommunen unserer Region geht das deutlich einfacher und schneller.

Notwendig ist eine allgemeine Verkehrswende, die Umweltschützer seit mindestens vier Jahrzehnten fordern, weg vom Auto als individuellem Massentransportmittel hin zum Fahrrad, zu Bus, Tram und Bahn, um Ressourcen und Flächen zu sparen und das Klima zu retten. Dazu muss der individuelle Autoverkehr massiv zurückgedrängt und beschränkt werden schreibt Peter Bierl in der Süddeutschen Zeitung. Es ist höchste Zeit, den Zeitlupenmodus zu verlassen und den Weg für nachhaltige Mobilität in der Gemeinde Weßling frei zu machen!

Wir brauchen ein dichtes, bundesweit ausgebautes Wegenetz, auf dem Kinder komfortabel und barrierefrei unterwegs sein können – zu Fuß, mit dem Roller, mit dem Fahrrad. Ihren Weg zum Kindergarten, zur Schule, zum Sportverein und zu Freunden sollen sie selbstständig und sicher zurücklegen können.

Die Straßen in unseren Städten und Gemeinden sollen wieder zum Lebensraum werden: für Menschen statt Autos, Parkplätze werden zu Spiel-Plätzen. Kinder können auf eigene Faust sicher unterwegs sein und in verkehrsberuhigten Zonen auf der Straße spielen. Der Lärm wird weniger, die Luft sauberer, das Leben angenehmer und stressfreier.

Aus dem VCD-Kindermanifest in fairkehr 3/2019.

Autobahnbauer nehmen Klimarettung in die Hand

Radschnellweg Freiham-Weßling fast fertig!

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Die Region München soll sichere und bequeme Radschnellwege bekommen: Vier Meter breit, möglichst kreuzungsfrei und von Fußwegen und Straßen getrennt. Aktuell wird die Trasse für den Weg von München durch das Würmtal nach Starnberg gesucht. Bei Ausflüglern sicher gefragt, aber welcher Berufspendler soll denn dort unterwegs sein?

Wäre nicht ein Radschnellweg von Freiham mit demnächst 25.000 neuen Einwohnern in den Westen unseres Landkreises viel dringender?

An den Wochenenden ersticken wir im Ausflugsverkehr und jeden Werktag kommen 13.000 Pendler aus München und dem Landkreis Fürstenfeldbruck zu uns. Warum aber hört man bisher vom Radschnellweg Freiham-Weßling nichts? Liegt es daran, dass die Menschen zwar 100 Millionen Euro für neun Kilometer Autobahnausbau von Gräfelfing nach Oberpfaffenhofen klaglos akzeptieren, aber keine 0,5 bis 2 Millionen Euro pro Kilometer neu gebauten Radschnellweg? Dieses Blatt hat sich ziemlich abrupt gewendet, seit Fridays for Future die Diskussionen bestimmt und manchem Politiker erst nach den letzten Wahlen aufgefallen ist, dass Klimaschutz auch ein Thema gewesen wäre. Jetzt schreit ein ganzes Klimakabinett nach Vorschlägen, wie das Klima schnell zu retten, oder besser, wie die Wählergunst in wenigen Monaten zurückgewonnen werden könnte.

Werbetafel der Baufirma verrät geheimes Projekt der Autobahndirektion

Dabei arbeitet ausgerechnet Scheuers Verkehrsministerium vor unserer Haustür längst an Lösungen! Demnächst wird es der Minister bekannt geben: Die aufwändigen Galerien bei Germering und Gilching sind kein Selbstzweck. Auf ihnen wird der neue Radschnellweg München West for Future verlaufen! Statt sich auf gefährlichen Routen durch die beiden Ortschaften zu quälen, werden Radler bald über lange Autostaus hinweg schweben. Es fehlen nur noch wenige Kilometer Radweg über Wiesen und Felder und ein paar kühn geschwungene Brücken über die A 96 hinüber Richtung KIM, Gilching-Süd und Sonderflughafen, und schon können täglich tausende Radler klimaschonend ihre Arbeitsplätze und am Wochenende das Wörthseeufer erreichen: Ein wahres Leuchtturmprojekt für den Klimaschutz! Die nächsten Wahlen können kommen!

Alles nur ein Traum – warum eigentlich?

Park-Platz statt Parkplatz

Foto: VCD Jena


Die Umverteilung von Flächen im öffentlichen Raum zählt zu den dringensten Maßnahmen der anstehenden Mobilitätswende. Mit der Aktionsserie Park-Platz statt Parkplatz macht das Aktionsbündnis Verkehrswende STA die Flächenverteilung des ruhenden Verkehrs zum Thema.

In urbanen Räumen, welche es auch in den Ortszentren der größeren Kommunen im Landkreis STA gibt, steht ein unverhältnismäßig großer Teil des knappen Raums für das Parken von Pkw zur Verfügung. Diese autogerechte Ortsgestaltung wird noch immer von Einzelhändlern vehement eingefordert und von der Kommunalpolitik wie selbstverständlich umgesetzt.

Urbane Räume sind jedoch für Menschen da. Die Aufenthaltsqualität im Straßenraum entscheidet darüber, ob sich Bürgerinnen und Bürger wohl fühlen oder möglichst das Weite suchen. Attraktive Ortszentren und ein großzügiges Kfz-Stellplatzangebot schließen sich aus. Mit Kraftfahrzeugen zugestellte Parkstreifen zerstören zuverlässig das Ortsbild und verhindern für Menschen, Tiere und Mikroklima bedeutsame Grünflächen.

Wie am weltweiten Park(ing) Day demonstrieren wir in mehreren Landkreiskommunen die Nutzung von zentral gelegenen Parkplätzen als öffentlichen Lebensraum. Wir laden alle sympathisierenden und interessierten Menschen ein, sich zu beteiligen und mit Park-Platz statt Parkplatz ein Zeichen für eine zeitgemäße und faire Verteilung des Verkehrsraums zu setzen.

Weitere Infos gibt es hier.

Radltag im Seehäusl

Die Nachbarschaftshilfe Weßling lädt ein zum Radltag im Seehäusl am Samstag, 6. April von 10 bis 12 Uhr. Die Gäste erwartet ein buntes Angebot rund um das energieeffizienteste und emissionsfreie Verkehrsmittel.

Ein Flohmarkt bietet die Möglichkeit, gebrauchte, nicht motorisierte Fahrzeuge anzubieten oder zu erwerben. Ehrenamtliche Reparateure der Radl Werkstatt stehen mit Rat und Tat für kleinere Reparaturen zur Verfügung. Außerdem werden Einweisungen und Probefahrten für das Lastenpedelec LaRa 1 angeboten. Weitere Infos gibt es hier.

Die Mobilitätswende und die Radl Werkstatt unterstützen die Aktion sehr gerne und hoffen auf viel Zuspruch, sodass sich der Radltag zur regelmäßigen Veranstaltung entwickeln kann.

Mitfahrerbänke für Weßling

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Die Älteren unter uns können sich noch an die Zeiten erinnern, als vor allem zur Ferienzeit an jeder Ecke junge Leute standen und mit hochgestrecktem Daumen zeigten, dass sie gerne mitgenommen werden wollten. Man nannte sie „Anhalter“, eine inzwischen fast ausgestorbene Spezies. Für die weiten Strecken sicher zurecht, aber im Alltag? Ich habe die Methode für mich wiederentdeckt: Abends mit der S-Bahn in Weßling angekommen aber den Bus verpasst, das Stück bis Oberpfaffenhofen flotten Schrittes bewältigt und dann an der Hochstadter Straße den Daumen hoch. Sie werden es nicht glauben: Oft hält gleich das erste Auto an, spätestens aber das dritte! Manchmal folgt ein kurzer Ratsch darüber, warum es eigentlich nur noch so wenige Anhalter gibt. Schon sind die zwei Kilometer nach Hochstadt zurückgelegt – ein Genuss nach einem langen Arbeitstag! Und dabei auch noch endlich mal wieder alte Bekannte getroffen oder neue Menschen kennengelernt.

Vor einigen Jahren startete die Gemeinde schon einmal den Versuch, Menschen sozusagen mit offiziellem Segen dazu zu bewegen, andere mitzunehmen. Ein roter Punkt sollte Autofahrer mit freien Plätzen und solche, die selbst über kein Auto verfügten, zusammenbringen. Vielleicht war das damalige System einfach zu bürokratisch, vielleicht war auch die Zeit noch nicht reif.

Inzwischen gibt es immer mehr Menschen, die sich kein eigenes Auto mehr leisten können, oder die angesichts von Luftverschmutzung und Lärmbelästigung durch zu viel Autoverkehr ihr eigenes Mobilitätsverhalten nachhaltiger gestalten wollen. Aber Busse fahren nicht immer und auch nicht überall hin. Mancher Weg wird einem zu Fuß arg lang, wenn die Sonne vom Himmel brennt, es stürmt oder schneit oder die gefüllten Einkaufstaschen immer schwerer werden. Manches Ziel, obwohl gar nicht so weit weg, lässt sich zu Fuß kaum mehr erreichen, weil Fußgänger auf unseren Straßen einfach nicht mehr vorgesehen sind. Da wäre es dann schön, wenn man in einem der vorbeibrausenden Autos Platz nehmen könnte. Zumal es nahezu in jedem Auto noch freie Plätze zur Genüge gäbe. Etwa bei zwei Drittel aller Autofahrten in Deutschland sitzt der Fahrer alleine im Fahrzeug, und der durchschnittliche Besetzungsgrad eines Autos liegt bei sage und schreibe 1,5 Personen!

Mitfahrerbank in Schondorf

Aber wie bringt man Fahrer und Mitfahrer zusammen? Es gibt da eine Idee, die zu funktionieren scheint: Die Mitfahrerbank! Gar nicht weit weg, in Schondorf am Ammersee, steht seit einiger Zeit eine solche Bank und sie wird gut angenommen. Der Clou: Aus einer Reihe aufklappbarer Schilder wird dasjenige ausgesucht, das den vorbeikommenden Autofahrern das gewünschte Fahrziel anzeigt. Wie es genau funktioniert, wollen wir aus erster Hand erfahren:

Am 5. April um 19:30 Uhr veranstaltet die Mobilitätswende Weßling zusammen mit dem ökologischen Verkehrsclub VCD im Pfarrstadel das zweite Weßlinger VCD Fairkehrsforum und hat dazu Sabine Pittroff eingeladen. Sie betreut bei der Initiative mobi-LL vom Ammersee-Westufer die Mifahrerbänke und wird uns das Projekt vorstellen. Mit den notwendigen Informationen versehen, wollen wir uns dann daran machen, auch für unsere Ortsteile Mitfahrerbänke zu organisieren. Haben auch Sie Ideen, wie wir wieder wirkliches Leben auf unseren Straßen und Plätzen ermöglichen können? Dann kommen Sie doch auch dazu!