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Rückblick auf das elfte Jahr

Seit nunmehr elf Jahren setzt sich die Mobilitätswende für nachhaltige und menschenfreundliche Mobilität in der Gemeinde Weßling ein. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Aktivitäten im vergangenen Jahr 2023.

Business Ridesharing

Am 28.10.2020 hatte der Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Energie und Mobilität beschlossen, die in der Gemeinde tätigen Unternehmen durch betriebliches Mobilitätsmanagement zu unterstützen. Eine daraus resultierende Maßnahme war die Einführung von Business Ridesharing, welches in 2022 entwickelt und in 2023 eingeführt wurde. Seit Mai steht den Mitarbeiter:innen des DLR Oberpfaffenhofen, der VR-Bank Starnberg-Herrsching-Landsberg und den Gemeindeverwaltungen Gilching und Weßling die App-basierte Mitfahrplattform SAMi zur Verfügung. Sie ermöglicht flexibel und in Echtzeit die Bildung von Fahrgemeinschaften, sodass die Kfz-Verkehrsbelastung durch Pendler:innen sinkt.

Rathaus-Carsharing

Eine weitere Möglichkeit zum Autoteilen wurde für alle Gemeindebürger:innen geschaffen: Seit April steht ein von der Energiegenossenschaft Fünfseenland bereit gestelltes E-Auto zur Verfügung, das von der Gemeindeverwaltung als Dienstfahrzeug genutzt wird. Darüber hinaus kann es von STATTAUTO-Mitgliedern gebucht werden (Artikel in Starnberger SZ und Kreisbote). Nach den ersten Monaten sieht es ganz so aus, als ob dieses Angebot gut angenommen wird. Das ist erfreulich, denn durch Carsharing können einige der gravierenden Nachteile privat genutzter Autos deutlich reduziert werden.

Tempo 30

Eine Senkung der zulässigen Geschwindigkeit innerorts auf 30 km/h macht den Straßenverkehr wesentlich sicherer und menschenfreundlicher. Gemäß einem Gemeinderatsbeschluss wurde im August die 30-Zone Kirchenstraße/Starnberger Feldweg in Hochstadt erweitert um Angerweg, Wiesenweg und Am Wiesmahtweg. Damit kam die Gemeinde dem wünschenswerten Ziel Tempo 30 auf allen Gemeindestraßen einen guten Schritt näher. Es ist höchste Zeit, dass endlich 30 km/h als Regelgeschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften eingeführt wird – denn diesbezüglich sind die Bürger:innen schon viel weiter als der Gesetzgeber.

Buswartehäuschen

Nach jahrelanger Verzögerung wegen ausstehender Genehmigung des Landratsamts konnte in 2023 endlich ein Unterstand für die Haltestelle Neuhochstadter Straße errichtet werden. Wegen Mindestabstandsvorgaben zur Kreisstraße wurde leider nur ein Häuschen in Richtung Hochstadt, nicht aber in Richtung Oberpfaffenhofen genehmigt. Dennoch ein Fortschritt zum Ziel, sukzessive alle Bushaltestellen der Gemeinde mit Unterständen auszustatten. Zwei weitere Bushäuschen wurden bereits am 11.05.2022 vom Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Energie und Mobilität beschlossen, aber bisher nicht realisiert.

Kidical Mass

Am 13. Mai fand zum zweiten Mal eine Kidical Mass in der Gemeinde Weßling statt. Bei unsicherem, letztendlich aber doch trockenem Wetter radelten knapp 70 Kinder und Erwachsene mit viel Vergnügen und ohne Lebensgefahr durch Kfz-Verkehr die Gautinger Straße, Hauptstraße und Ettenhofener Straße entlang. Selbst die begleitende Polizeistreife hatte sichtlich ihren Spaß an der Aktion, über die der Starnberger Merkur berichtete.

STAdtradeln, Radl Werkstatt, LaRa 1 und Radltag

Das STAdtradeln (seit 2011), die Radl Werkstatt (seit 2015) sowie das Leihlastenpendelec LaRa 1 (seit 2018) und der Radltag (seit 2019) der Nachbarschaftshilfe haben sich über die Jahre zu Institutionen entwickelt, welche die Radlkultur der Gemeinde Weßling prägen – und im Jahr 2023 weiterhin gepflegt wurden. Das ist einerseits erfreulich, liefert andererseits aber keine neuen Impulse mehr, um den für eine gelingende Mobilitätswende nötigen tiefgreifenden Wandel anzustoßen.

Fahrradabstellanlagen

Die im Jahr 2023 neu errichteten Fahrradabstellanlagen für die Gebäude Nr. 32 und 34 a/b in der Hauptstraße, das Freizeitheim und die neue Schule wurden bereits in einem eigenen Beitrag gewürdigt. Jedoch konnte die ebenfalls für 2023 beschlossene Sanierung und Erweiterung der Abstellanlagen am Bahnhof leider nicht realisiert werden, weil es formale Unstimmigkeiten mit der Förderung gab. Erfreulicherweise sieht es mittlerweile aber (wieder) ganz so aus, als ob dieses für die Radler:innen der Gemeinde wichtigste Projekt in 2024 umgesetzt werden wird.

Straßen- und Brückensanierung

Vom 18. April bis zum 4. August wurde die Brücke Hauptstraße-Steinebacher Weg saniert. Wegen der damit verbundenen Vollsperrung wurden in dieser Zeit der Meilinger Weg und die Grünsinker Straße zu Einbahnstraßen erklärt. Die anschließenden Straßenbauarbeiten im Schulumfeld zogen sich noch bis Anfang September hin. Während dieser mehr als vier Monate zur Hauptfreizeitradlsaison waren wichtige Radrouten zugunsten von Kfz-Umleitungen unterbrochen und/oder mit starkem Kfz-Verkehr belastet. Trotz zahlreicher Beschwerden und Hinweise gelang es dem ausführenden Bauunternehmen, der Gemeinde und der unteren Verkehrsbehörde bis zuletzt weder eine sichere Führung, noch eine verständliche Umleitung für den Radverkehr herzustellen. Hier wurde auf frappierende Weise deutlich, wie weit Gemeinde und Landkreis von echter Fahrradfreundlichkeit entfernt sind, zumal ihnen die AGFK Bayern vorbildliche Leitfäden für Baustellen und Umleitungen zur Verfügung stellt.

Kommunalpolitik

Nach ziemlich vielen Fortschritten in den Jahren 2020 und 2021 hatte es 2022 einige herbe Rückschläge in der gemeindlichen Politik gegeben. Über Jahre entwickelte, essenzielle Maßnahmen auf dem Weg zur fahrradfreundlichen Gemeinde wurden von einer fraktionsübergreifenden Autolobby im Gemeinderat verhindert. Um weitere Fehlentscheidungen zu vermeiden wurde das politische Engagement für nachhaltige Mobilität in 2023 weitgehend zurückgefahren und vorwiegend bereits laufende Projekte fortgeführt.

Negativ schlagen folgende Punkte zu Buche:

Außerdem wurde in mehreren Gemeinderatssitzungen die mittlerweile realisierte Schulwegplanung beraten. Dabei wurde einmal mehr in langwierigen Diskussionen das vom Verkehrsplanungsbüro erarbeitete Konzept weitgehend entkernt und durch ein Sammelsurium von Einzelmaßnahmen aus Windschutzscheibenperspektive ersetzt. Fortschritte in Richtung kindgerechte und menschenfreundliche Mobilität, wie die Sperrung des Uferwegs für den Kfz-Verkehr, wurden ersatzlos gestrichen. Selbst die Ausweisung des östlichen Steinebacher Wegs als für den Kfz-Verkehr freigegebene Fahrradstraße fand nur aufgrund dringender Empfehlung des Planers eine Mehrheit.

Sonstiges

In einem Leserbrief nahm die Mobilitätswende zu einem Bericht der Starnberger SZ über Taxis als Linienbusersatz Stellung. Außerdem lieferte sie Beiträge zu UNSER DORF heute über den Swipe+Ride-Tarif sowie die GehCheck-App. Mit letzterer gelang eine umfangreiche Sammlung von Mängeln und Verbesserungsvorschlägen für den Fußverkehr in der Gemeinde Weßling.

Fazit

Im Jahr 2023 gab es in der Gemeinde durchaus einige Fortschritte in Richtung nachhaltige Mobilität, die allerdings bereits in den Vorjahren auf den Weg gebracht worden waren. Neue Projekte wurden indes nicht initiiert. Schwerer wiegen freilich geglückte Anschläge auf die Verkehrswende, die die ungünstigen Randbedingungen vor Ort festschreiben. In erster Linie sind hier auf Landesebene der Radentscheid Bayern und auf Bundesebene die Novellierung des Straßenverkehrsgesetzes hervorzuheben, welche jeweils durch machtpolitische Manöver zu Fall gebracht wurden. Zudem ist aufgrund des aktuellen Rechtsrucks zu erwarten, dass sich das verkehrspolitische Klima in absehbarer Zeit eher noch verschlechtern wird. Insgesamt also keine guten Aussichten für menschenfreundlichere Mobilität in der Gemeinde Weßling.

Rückblick auf das zehnte Jahr

2022 war das zehnte Jahr, in dem sich die Mobilitätswende für nachhaltige Mobilität in der Gemeinde Weßling einsetzte. Einmal mehr wird in diesem Beitrag auf die Geschehnisse zurückgeblickt.

Fahrradschutzstreifen

Anfang April wurde in der nordwestlichen Gautinger Straße der erste Fahrradschutzstreifen in der Gemeinde markiert. Er verläuft einseitig zwischen den Einmündungen der unteren Seefeldstraße und dem Adelbergweg. Abgesehen von zahlreichen Falschparkern bei Badewetter hat sich die Situation im Laufe des Jahres recht gut eingespielt.

Radl Werkstatt

Seit 2015 hat sich die Radl Werkstatt zu einer festen Größe im Angebot der Nachbarschaftshilfe entwickelt. Im vergangenen Jahr erwiesen sich das Reparatur-Team, Angebot und Nachfrage stabil. Am 8. August lud die Radl Werkstatt wieder im Rahmen des Ferienprogramms Schulkinder zum Radlreparaturkurs mit anschließendem Eisessen am See ein. Erfreulich ist auch, dass in Weßling nun regelmäßig ein Repair Café angeboten wird – hierzu hatte die Mobilitätswende schon 2014 Pionierarbeit geleistet.

Radltag

Am 30. April fand beim Seehäusl der vierte Radltag der Nachbarschaftshilfe statt. Trotz teilweise regnerischem Wetter war die Veranstaltung gut besucht. Wie immer stand der Radlflohmarkt im Mittelpunkt, aber auch die Dienste der Radl Werkstatt fanden großen Zuspruch. Außerdem wurden vom ADFC Fahrradcodierung und von der Mobilitätswende Einweisungen für das Lastenpedelec LaRa 1 angeboten.

Kidical Mass

In 2022 gab es erstmalig eine Kidical Mass in Weßling. Am 14. Mai demonstrierten 89 Radler:innen jeden Alters für eine kinder- und radlfreundliche Gemeinde. Bei schönstem Wetter führte die Radldemo mit Pause in Grünsink entlang der wichtigsten Schulwege der neuen Schule. Anschließend versammelte sich die Gemeinschaft auf dem Schulhof Oberpfaffenhofen, wo nach einer kurzen Kundgebung eine Hüpfburg für viel Vergnügen sorgte.

STAdtradeln

Auch das STAdtradeln mobilisiert viele Menschen durch positive Erfahrung. In den drei Wochen vom 27. Juni bis 17. Juli radelten 405 Teilnehmer:innen in 24 Teams 91.626 km für die Gemeinde Weßling. Im Landkreisvergleich siegte die Gemeinde mit 16,6 km einmal mehr mit großem Vorsprung in der Wertung Kilometer pro Einwohner:in. Außerdem radelten zehn Gemeinderatsmitglieder und Bürgermeister Michael Sturm mit 4.047 km auf den ersten Platz der Parlamentarier:innenwertung. Bayernweit belegte Weßling in diesen beiden Wertungen jeweils Rang neun.

AGFK

Am 12. Mai fand die Vorbereisung für den Beitritt der Gemeinde Weßling zur AGFK Bayern statt. Am Vormittag präsentierte Gerhard Hippmann Aktivitäten und Status der gemeindlichen Radverkehrsförderung. Am Nachmittag wurde auf einer Radtour die Situation vor Ort begutachtet. Die Bewertungskommission mit Vertreter:innen der AGFK, des ADFC und des bayerischen Verkehrsministeriums zeigte sich angetan und empfahl die Aufnahme der Gemeinde Weßling in die AGFK. Am 18. Juli wurde die Gemeinde daraufhin aufgenommen und hat nun vier Jahre Zeit, um die Empfehlungen der Kommission umzusetzen. Dann findet die Hauptbereisung statt, deren Ergebnis über die Zertifizierung als fahrradfreundliche Kommune in Bayern entscheidet.

Radentscheid

Selbstverständlich unterstützte die Mobilitätswende tatkräftig die Unterschriftensammlung für die Zulassung des Volksbegehrens für besseren Radverkehr in Bayern. Durch einen Infostand beim Edeka und eine dauerhafte Sammelstelle beim Gasthof Plonner erzielte die Gemeinde Weßling eines der besten Ergebnisse aller bayerischen Kommunen.

Mobilitätstag

Am 16. September veranstaltete die Gemeinde Weßling in Kooperation mit der Mobilitätswende einen Mobilitätstag im Pfarrstadel. Zusammen mit Vertretern von ADFC, VCD, der STEP Mobility GmbH und der Energiegenossenschaft Fünfseenland wurden Informationen über nachhaltige Mobilität präsentiert. Die Veranstaltung schloss mit der STAdtradel-Siegerehrung und einem Kinofilm – eigentlich eine runde Sache, die angesichts der Energiekrise jedoch auf erstaunlich geringes Interesse stieß.

Vierte Verkehrszählung

Im November führte die Mobilitätswende zum vierten Mal eine Verkehrszählung in der Hauptstraße durch. Im Vergleich zu 2019 gab es einen leichten Rückgang des Kfz-Verkehrsaufkommens um 8 % bzw. 15 %, der wahrscheinlich auf vermehrte Arbeit im Homeoffice zurückzuführen ist. Mit durchschnittlich 10.592 bzw. 9.251 Fahrzeugen an Werktagen ist die Verkehrsstärke nun um 39 % bzw. 44 % geringer als im Jahr 2015 vor der Eröffnung der Umfahrung.

Kommunalpolitik

Wie schon im Vorjahr gab es auch in 2022 überwiegend positive Gemeinderatsbeschlüsse und gemeindliche Maßnahmen für nachhaltige Mobilität:

  • Anfang des Jahres wurde ein Gehweg an der Bushaltestelle DLR in Richtung Weichselbaum angelegt.
  • Im Februar wurden in Hochstadt die Steinpoller am Beginn des Geh- und Radwegs nach Oberpfaffenhofen entfernt.
  • Am 16. Februar fand ein Workshop für betriebliches Mobilitätsmanagement in der Gemeinde statt.
  • Am 22. Februar beschloss der Gemeinderat die Errichtung eines automatisch versenkbaren, fahrradfreundlichen Pollers auf dem Weg zwischen Grünsink und der Umfahrung.
  • Im April wurde eine für Radfahrer:innen gefährliche Schwelle auf der Begleitstraße der A96 entschärft.
  • Am 16. April beteiligte sich die Gemeinde Weßling an der Aktion OSTAradeln des Landratsamts.
  • Seit April bietet die Gemeinde ihren Mitarbeiter:innen Fahrradleasing mit Entgeltumwandlung (Jobrad) an, welches sich großer Nachfrage erfreut.
  • Im Mai wurde beim Hort Villa Kunterbunt ein hochwertiger Radlständer errichtet.
  • Im Mai wurden im verkehrsberuhigten Bereich Herbststraße/Winterweg/Walchstadter Weg Bodenpiktogramme aufgebracht.
  • Im Sommer wurde zwischen Ettenhofener Straße und Kesselboden ein für den Radverkehr freigegebener Gehweg gebaut.
  • Am 3. Juli fand eine Willkommensradltour für Neubürger:innen mit dem zweiten Bürgermeister Sebastian Grünwald statt.
  • Am 26. Juli beschloss der Gemeinderat die Einführung von Rathaus-Carsharing.
  • Im Juli wurde beim Hort Villa Kunterbunt ein Rollerständer errichtet.
  • Im August wurden auf dem Geh- und Radweg nach Gilching Ampelgriffe installiert.
  • Im August wurde im Rathaus-Carport ein neuer Fahrradparker errichtet.
  • Im September wurde ein Banner aufgehängt, das auf den Mindestüberholabstand zu Radfahrer:innen aufmerksam macht.
  • Am 27. September beschloss der Gemeinderat den Beitritt zur Initiative Lebenswerte Städte und Gemeinden
  • Im Oktober wurde auf dem Geh- und Radweg nach Gilching die Fahrbahn im Bereich der Unterführung saniert.
  • Am 25. Oktober beschloss der Gemeinderat Sanierung und Neubau der Fahrradabstellanlagen am Bahnhof.
  • Im November wurden vier Bordsteinabsenkungen hergestellt.

Dennoch sorgte der Gemeinderat für ein fatales Rollback. Entgegen positiver Vorentscheidungen konnte eine fraktionsübergreifende Autolobby mit knappen Mehrheiten wichtige Fortschritte verhindern:

Außerdem sprach sich im Oktober die untere Verkehrsbehörde gegen die Markierung eines einseitigen Schutzstreifens in der östlichen Gautinger Straße aus.

Sonstiges

Mit einem Leserbrief zur Berichterstattung über den Geh- und Radweg Allmannshausen-Weipertshausen, einem Brief an den Landrat zur Radverkehrsförderung und Artikeln in UNSER DORF heute über die 15-Minuten-Gemeinde, Straßen für Menschen, den Mobilitätstag und das 1-Euro-Ticket nahm die Mobilitätswende zu verschiedenen Verkehrswende-Themen Stellung.

Fazit

Seit zehn Jahren engagiert sich die Mobilitätswende für nachhaltigere Mobilität in der Gemeinde Weßling. Während dieser Zeit hat sich die Motivation tendenziell verschoben: Peak Oil hat durch neue Fördertechniken (Fracking) vorübergehend an Brisanz verloren. Im Fokus stehen heute Klimakrise und Ressourcenverbrauch, aber auch lebenswerte und diskriminierungsfreie öffentliche Räume. Doch obwohl sich die Situation hinsichtlich planetarer Grenzen und Kfz-Belästigung von Jahr zu Jahr immer weiter zuspitzt, bleiben durchschlagende Erfolge aus. Denn gegen die bald ein Jahrhundert fortwährende, massive Förderung des Kraftverkehrs ist kein Kraut gewachsen: Entfernungspauschale, Dienstwagenprivileg, Steuerermäßigung/-befreiung für Diesel/Flugbenzin, Privilegierung des Kfz-Verkehrs im Verkehrsrecht, gigantischer Neu- und Ausbau von Kfz-Straßen, und nicht zuletzt eine gemeindliche Stellplatzsatzung, durch die im Ort langsam aber sicher für jeden Erwachsenen ein Kfz-Stellplatz gebaut wird, wurden jüngst noch durch Autokaufprämien und Tankrabatt ergänzt. Diese Randbedingungen machen unsere ehrenamtliche Initiative zum Tropfen auf den heißen Stein – und das Zeitfenster für eine gestaltbare Verkehrswende schließt sich allmählich…

Vierte Verkehrszählung in der Hauptstraße

Messstelle Gasthof Zur Post

Wie bereits in den Jahren 2015 (ein Jahr vor Eröffnung der Westumfahrung), 2017 (ein Jahr danach) und 2019 (vor der Corona-Pandemie) führte die Mobilitätswende in den beiden Wochen nach den Herbstferien zwei Verkehrszählungen in der Hauptstraße durch. Dabei wurden dieselben Messstellen wie in den Vorjahren gewählt: Vom 7. bis 13. November vor dem Biergarten des ehemaligen Gasthof Zur Post und vom 14. bis 20. November vor Hof Art. In dieser Zeit herrschte überwiegend ruhiges, noch nicht winterliches Herbstwetter. Es gab keine die Messergebnisse wesentlich beeinträchtigende Einschränkungen im umliegenden Straßennetz. Erneut kam das freundlicherweise vom VCD Bayern zur Verfügung gestellte Verkehrszählgerät Sierzega SR4 zum Einsatz.

Messstelle Hof Art

Der Zeitpunkt der Zählung ist insbesondere deshalb interessant, weil der zeitweise drastische Rückgang des Verkehrsaufkommens durch Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie der Vergangenheit angehörte. Daher kann durch Vergleich mit der letzten Zählung im Herbst 2019 auf pandemiebedingte Änderungen im Mobilitätsverhalten geschlossen werden.

Beim Gasthof Zur Post wurden von Montag bis Freitag durchschnittlich 10.592 Kfz gezählt, das sind 8 % weniger als 2019 (11.524) und 39 % weniger als 2015 (17.301). Bei Hof Art lag die mittlere Kfz-Anzahl werktags mit 9.251 um 15 % niedriger als 2019 (10.939) und 44 % niedriger als 2015 (16.561).

Dabei war der Rückgang gegenüber 2019 nicht gleichmäßig über den Tag verteilt, sondern konzentrierte sich auf die morgendliche Pendler:innenspitze zwischen sechs und neun Uhr. Dieses Phänomen ist wahrscheinlich auf vermehrte Arbeit im Homeoffice zurückzuführen.

Auch bei den durchschnittlichen Geschwindigkeiten gibt es einen positiven Trend. Beim Gasthof Zur Post gingen diese von 41 km/h (2015) über 38 km/h (2017 mit Fahrbahnverengungen) auf 33 km/h (mit Fahrbahnverengungen und Tempo 30) zurück. Bei Hof Art sank der Wert indes nur geringfügig von 46 auf 43 km/h.

Das klingt alles grundsätzlich gut. Allerdings wurde die Verkehrsbelastung durch die Umfahrung noch nicht einmal halbiert, und die Aufenthaltsqualität in der Hauptstraße ist weiterhin unterirdisch. Dabei steht außer Frage, dass die neue Straße das Kfz-Verkehrsaufkommen in unseren Nachbargemeinden erhöht hat. Der Neu- und Ausbau von Straßen für Kfz ist aus der Zeit gefallen und verschlingt wertvolle Ressourcen, die für die überfällige Verkehrswende fehlen.

Die Mobilitätswende stellt die erfassten Datensätze und Auswertungen der Öffentlichkeit zur Verfügung:

Gasthof Zur PostDatenAuswertung
Hof ArtDatenAuswertung

Mobilitätstag der Gemeinde Weßling

von Gerhard Hippmann für UNSER DORF heute

In diesem Jahr beteiligte sich der Landkreis Starnberg erstmalig an der Europäischen Mobilitätswoche. Seit 2002 bietet diese Kommunen in Europa die Möglichkeit, ihren Bürgerinnen und Bürgern die ganze Bandbreite nachhaltiger Mobilität vor Ort näher zu bringen. Die Gemeinde Weßling war dabei und veranstaltete am 16. September in Kooperation mit der Mobilitätswende Weßling einen Mobilitätstag.

Die Gemeinde informierte über aktuelle Projekte wie fahrradfreundliche Kommune, öffentliche E-Auto-Ladesäulen, das Förderprogramm für Lastenräder und Fahrradanhänger und Buslinien. Außerdem wirkten Vertreter von ADFC, VCD, der STEP Mobility GmbH und der Energiegenossenschaft Fünfseenland mit und präsentierten Infos zu kindgerechter Mobilität und Schulwegsicherheit, über das neue Business-Ridesharing-Portal in Weßling, Gilching und Seefeld, sowie über das im kommenden Jahr startende Rathaus-E-Carsharing. Die für Kinder und Senioren angebotenen Rikscha-Rundfahrten sowie Probefahrten mit dem ausleihbaren Lastenpedelec LaRa 1 der Nachbarschaftshilfe fielen leider – wie so vieles im September – weitgehend ins Wasser.

STAdtradeln-Siegerehrung beim Mobilitätstag im Pfarrstadel

Am Abend ehrte Bürgermeister Michael Sturm die Gewinner-Teams des STAdtradelns 2022. Nach einem feierlichen Imbiss schloss der Mobilitätstag mit einem von UNSER DORF beigetragenen Kinofilm. Einmal mehr hat sich der Pfarrastadel als ganz besonders vielseitiger und stimmungsvoller Veranstaltungsort erwiesen.

100 Tage autofrei

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Im August 2021 konntest du ein paar Tipps lesen, mit deren Hilfe sich einzelne Autofahrten leichter vermeiden lassen.

Zum Start ins neue Jahr haben wir uns etwas Neues vorgenommen: Wir wollen es schaffen, an mindestens 100 Tagen unser Auto gar nicht zu bewegen, also unserem Auto frei zu geben oder auch uns selbst vom Auto frei zu machen. Der Januar ist vorbei und wir liegen ganz gut im Rennen! Der Vorsatz hilft dabei, unsere Wege noch besser zu organisieren. Und das Überraschende daran: Ein Tag ganz ohne Auto ist ein ganz besonderer Genuss! Probiere es einfach mal aus. Wir freuen uns auf deine Rückmeldungen und sind gespannt, welche Familie die 100 autofreien Tage als erstes schafft und welche am Jahresende von den meisten autofreien Tagen berichten kann.

Rückblick auf das neunte Jahr

Einmal mehr schauen wir zurück auf die Ereignisse und Aktivitäten der Mobilitätswende Weßling im vergangenen Jahr 2021.

Radl Werkstatt

Das Team der Radl Werkstatt hat sich mittlerweile in der Doppelgarage beim Kinderhaus Regenbogen eingewöhnt. Da dort keine Heizung zur Verfügung steht, blieb die Werkstatt im Winter geschlossen. Anschließend erreichte die Nachfrage trotz überlasteter Fahrradwerkstätten nicht wieder das gewohnt hohe Niveau. Der Rückgang geht anscheinend auf zunehmend eigenständige Geflüchtete zurück, die auf höherwertige Fahrräder oder Autos umgestiegen sind.

Radlständer-Vergleichstest

Nach vier Jahren Pause führte die Mobilitätswende in 2021 erneut einen Vergleichstest der Radlständer im Gemeindegebiet durch. Wie schon in der Vergangenheit waren sowohl bei den öffentlichen wie auch bei den gewerblichen Abstellanlagen kaum Fortschritte feststellbar. Zwar gibt es einige neue Radlständer (Friedhof Grünsinker Straße, Edeka, Sparkasse, Amselcafé und MK-Gesundheitszentrum), doch durch den Wegfall an anderen Standorten verminderte sich die Gesamtanzahl sogar um 16 Abstellplätze. Auch qualititiv hat sich kaum etwas getan: Die Gesamtschulnoten für öffentliche (3,3) sowie Radlständer für Kund:innen (3,6) blieben unverändert auf mäßigem Niveau. Immerhin besteht begründete Hoffnung, dass in 2022 endlich mit der Sanierung und Erweiterung der Abstellanlagen am Bahnhof begonnen wird, sodass bei diesem Thema einen Quantensprung vollzogen werden kann.

STAdtradeln

Nach dem Rekordergebnis im ersten Corona-Jahr 2020 verlief das STAdtradeln 2021 leicht unterdurchschnittlich. Der Rückgang ist sicherlich in erster Linie dem vielen regnerischen und gewittrigen Wetter während des Aktionszeitraums (20. Juni bis 10. Juli) geschuldet. Aber auch das allmähliche Abflachen des Corona-bedingten Radlbooms mag eine Rolle gespielt haben. So legten 337 Radlerinnen und Radler in 25 Teams 69.540 Kilometer für die Gemeinde Weßling zurück, das viertbeste Ergebnis im Landkreis hinter Starnberg, Gauting und Gilching. Einmal mehr siegte Weßling im Landkreis in der Wertung Kilometer/Einwohner:in mit großem Abstand. Und auch in der Parlamentarierwertung war Weßling erneut Spitze im Landkreis: Elf Gemeinderät:innen und ein Bürgermeister radelten 2794 Kilometer. Dieses deutliche Bekenntnis zum Radeln verleiht der Verkehrswende vor Ort wertvollen Rückenwind.

Radltag

Der dritte Radltag der Nachbarschaftshilfe fand am 20. Juni im Rahmen des STAdtradelns statt und verlief sehr erfolgreich. Neben dem zentralen Radlflohmarkt stand wieder das Team der Radl Werkstatt für Reparaturen zur Verfügung, der ADFC bot die Codierung von Fahrrädern an und die Mobilitätswende führte Einweisungen und Probefahrten mit dem Lastenpedelec LaRa 1 durch. Außerdem gab es eine Radltour für Neubürger:innen und neugierige Bürger:innen mit Beteiligung von Bürgermeister Michael Sturm. Die reibungslose Zusammenarbeit mit der Nachbarschaftshilfe und der große Zuspruch der Gäste machten den Radltag einmal mehr zu einer besonders erfreulichen Aktion.

Ferienprogramm

Nach der Corona-Zwangspause in 2020 konnte das Ferienprogramm der Nachbarschaftshilfe in 2021 wieder stattfinden. Am 5. August lud die Radl Werkstatt erneut zum Reparaturkurs ein. Die begrenzte Teilnehmerzahl tat dem Spaß am Schrauben keinen Abbruch – im Gegenteil. Vor allem das Ausschlachten gespendeter Radl und natürlich der abschließende Ausflug zum Eisessen am See kamen auch diesmal sehr gut an.

Kommunalpolitik

Die Zusammenarbeit von Gemeinde und Mobilitätsreferent Gerhard Hippmann entwickelte sich im Jahr 2021 positiv. Durch das vertrauensvolle Miteinander konnten zahlreiche Beschlüsse und Maßnahmen für verträgliche Mobilität auf den Weg gebracht werden:

Allerdings gab es auch einige Rückschläge zu verzeichnen:

  • Im Januar wurde die Einrichtung eines verkehrsberuhigten Geschäftsbereichs in der Bahnhofstraße von der unteren Verkehrsbehörde im Landratsamt abgelehnt.
  • Am 19. Januar wurde eine fahrradfreundliche Änderung der Vorfahrtsregelung Meilinger Weg – Steinebacher Weg von „Stop“ nach „Vorfahrt gewähren“ vom Gemeinderat abgelehnt.
  • Im April wurde die von der Gemeinde geforderte bauliche Verbesserung der Geh- und Radwegunterführung am Dellinger Kreisel vom Straßenbauamt abgelehnt.
  • Eine Querungshilfe über die Dorfstraße zwischen Riedbergweg und Kirchenstraße musste aufgrund der extrem ungünstigen Sichtverhältnisse verworfen werden.

Dennoch ist erfreulich, dass viele kleine Fortschritte erzielt werden konnten – und dass bereits eine ganze Reihe weiterer Maßnahmen für das kommende Jahr in Vorbereitung sind.

Sonstiges

In 2021 lieferte die Mobilitätswende nur einen Beitrag mit Tipps für (fast) autofreies Leben für UNSER DORF heute, denn für die erste Ausgabe des Jahres mit dem Schwerpunkt Klimaschutz wurde sie erstaunlicherweise nicht angefragt. Außerdem versuchte sie mit einer offenen E-Mail an die Radverkehrsbeauftragte des Landkreises, die Beendigung der unsäglichen Baustellenbeschilderung im Meilinger Weg zu veranlassen. Beim Thema Carsharing gab es leider keine Fortschritte.

Fazit

Die Förderung verträglicher Mobilität verlagert sich immer mehr von der Mobilitätswende als Ideengeberin in die Gemeindepolitik. Auf diesem direkten Weg konnten in 2021 viele kleinere Maßnahmen beschlossen und realisiert werden. Gleichzeitig nimmt die Handlungsfähigkeit der Mobilitätswende nicht zuletzt wegen Corona-Beschränkungen immer weiter ab, weil sich mangels regelmäßiger Treffen und Aktivitäten keine neuen Mitstreiter:innen finden. Wenn diese Entwicklung anhält spricht vieles dafür, dass die Mobilitätswende im zehnten Jahr 2022 ihre Aktivitäten einstellen wird – ähnlich wie es der aus der Zeit gefallene Verkehrsberuhigungsverein Ende 2020 getan hat.

Nachdem es im ersten Corona-Jahr 2020 vorübergehend so aussah, als ob unsere Gesellschaft einen nachhaltigeren Pfad einschlägt, befinden wir uns nun wieder auf dem desaströsen Wohlstand-durch-Wachstum-Kurs der Nachkriegszeit. Die Ernennung des neuen Bundesverkehrsministers deutet stark darauf hin, dass auch in den kommenden vier Jahren versäumt werden wird, Randbedingungen für eine echte Verkehrswende zu schaffen. Somit ist es für eine kleine Gemeinde kaum möglich, der privilegierten und hochsubventionierten Automobilität Einhalt zu gebieten – bestenfalls lassen sich einige Grundlagen für die unausweichlich nachhaltige Mobilität von übermorgen schaffen.

(Fast) ohne Auto? Probier es aus!

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Kaum etwas fällt uns schwerer, als Gewohnheiten zu ändern. Wie soll das also gehen, das Auto stehen zu lassen und öfter zu Fuß, mit dem Fahrrad oder gar mit Bus und Bahn unterwegs zu sein? Das wäre ja besser, fürs Klima und auch für deine Gesundheit! Ein Plan muss her! Und ein paar Tricks können helfen:

Zu Fuß geht es sich besser mit bequemen Schuhen und kleinere Einkäufe lassen sich gut im Rucksack tragen. Am besten mit Walking-Runden oder Spaziergängen beginnen. Du merkst schnell, wie gut das tut – und welche Besorgungen du gleich mit erledigen kannst.

Das Rad muss schneller zur Hand sein, als das Auto. Also: Gleich die Plätze in der Garage tauschen, sodass du immer zuerst dein Rad in die Hand nehmen musst – dann setzt du dich auch leichter drauf. Natürlich muss das Rad auch funktionieren, also eine Proberunde drehen, Luft aufpumpen und Bremsen und Licht testen.

Du willst deine Kollegen beeindrucken und mit dem Rad zur Arbeit fahren? Fang jetzt im Sommer damit an. Das fällt viel leichter und wenn die Blätter fallen, kannst du es ja wieder ausklingen lassen. Vielleicht packt dich aber auch der Ehrgeiz, du kaufst dir wasserdichte und warme Fahrradkleidung und dehnst die Fahrradsaison immer weiter aus.

Weißt du, wo die nächste Bushaltestelle ist und wann und wohin die Busse fahren? Schau doch einfach mal nach und überlege dir, welche Ziele sich so erreichen lassen. Diverse Apps erleichtern es dir, Verbindungen zu finden und Fahrkarten zu kaufen.

Jetzt brauchst du noch einen Speiseplan für die nächste Woche. Warum? Damit du einen Einkaufszettel schreiben kannst. So fällt es dir viel leichter, Einkäufe zusammen zu legen, und mancher Weg lässt sich ganz vermeiden. Vielleicht wird es ein großer Wocheneinkauf mit dem Auto und ein paar kleinere zu Fuß oder mit dem Rad. Auf jeden Fall besser als dreimal am Tag wegen einer Kleinigkeit ins Auto zu steigen, oder?

Und jetzt kommt das Wichtigste, und das passiert im Kopf! Jedes Mal, wenn du aus dem Haus gehst, stellst du dir diese Fragen: Kann ich das zu Fuß erledigen? Oder besser mit dem Rad? Ist das Ziel am besten mit Bus oder Bahn erreichbar? Erst, wenn du dir alle Fragen gestellt und ohne zu schummeln mit „nein“ beantwortet hast, darfst du dich auf die Suche nach dem Autoschlüssel machen.

Viel Spaß bei deinem neuen Leben vielleicht nicht ohne, aber jedenfalls mit viel weniger Auto!

Viele weitere Tipps gibt es im Buch Besser leben ohne Auto.

Rückblick auf das achte Jahr

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Arbeit und Projekte der Mobilitätswende Weßling im Jahr 2020.

Mitfahrbänke

Seit Herbst 2019 gibt es Mitfahrbänke in den drei Ortsteilen der Gemeinde. Nach ersten positiven Erfahrungen warteten wir gespannt auf den Beginn des Frühlings, um zu verfolgen, wie das Konzept von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen wird. Doch dann zog die Corona-Pandemie ein und stellte den Alltag auf den Kopf, sodass die zu den erforderlichen Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen im Widerspruch stehenden Mitfahrbänke leider verwaisten. Allerdings wurde bereits deutlich, dass Vandalismus, Wind und Wetter nach einer robusteren Ausführung der Haltestellenausrüstung verlangen.

Lockdown

Der Lockdown im Frühling wirkte sich in erstaunlichem Maße auf das Mobilitätsverhalten der Menschen aus. Der starke Rückgang des Kfz- und Flugverkehrs und die deutliche Zunahme von Fuß- und Radverkehr gaben einen Ausblick auf die Auswirkungen einer erfolgreichen Verkehrswende. Andererseits verlor der öffentliche Personenverkehr wegen Ansteckungsgefahr massiv an Zuspruch – und dieser negative Effekt wird wohl erheblich länger anhalten als die vorübergehenden positiven Entwicklungen bei den anderen verträglichen Verkehrsformen. Leider war beim zweiten Lockdown im Herbst keine deutliche Reduzierung der Kfz-Verkehrsbelastung mehr zu beobachten.

Radl Werkstatt

Da die Garagenräume auf der Rückseite des ehemaligen Feuerwehrhauses Weßling zur Kita umgebaut wurden, musste die Radl Werkstatt ausziehen. Erfreulicherweise stellte die Gemeinde die direkt nebenan liegende Doppelgarage als neuen Werkstattraum zur Verfügung. Der Umzug erfolgte im Mai und die neuen Räume haben sich seitdem bewährt – nur im Winter muss die Radl Werkstatt nun geschlossen bleiben, weil es dort mangels Heizung zu kalt zum Arbeiten wird.

Auch in diesem Jahr war die Nachfrage sowohl von Geflüchteten als auch Einheimischen in der Radl Werkstatt oft hoch, und es hat sich ein vierköpfiges zuverlässiges Reparaturteam eingespielt. Der Radl-Reparaturkurs im Rahmen des Ferienprogramms der Nachbarschaftshilfe musste leider pandemiebedingt entfallen.

Kommunalpolitik

Mit der Kommunalwahl im März hat nachhaltige Mobilität deutlich mehr Gewicht in Gemeinde- und Kreisrat erhalten. Mit Gerhard Hippmann wurde ein Kandidat in den Gemeinderat gehäufelt, der zuvor in der Mobilitätswende aktiv war und speziell mit diesem Thema angetreten war. Auch im Beirat des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Energie und Mobilität (Gerhard Sailer) sowie in der Geschäftsleitung der Gemeindeverwaltung (Astrid Kahle) ist nun Personal mit Mobilitätswende-Vergangenheit vertreten. Nicht zuletzt bringt auch der neue Bürgermeister Michael Sturm wesentlich mehr Verständnis für verträgliche Mobilität mit. Hier besteht also Grund zur Hoffnung für erhöhte Qualität und Quantität in Sachen Verkehrswende – allerdings muss für jede wichtige Entscheidung nach wie vor eine Mehrheit im Gemeinderat gefunden werden.

Im Rahmen der Verhandlungen zur neuen Geschäftsordnung wurde der Arbeitskreis mobil & lebenswert aufgelöst. Das ist bedauerlich, weil er in seinen 29 Sitzungen zwischen Mai 2016 und Dezember 2019 zahlreiche konstruktive Beiträge geliefert und eine besonders unkomplizierte und niederschwellige Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht hatte.

Fahrradstraße

Fast zweieinhalb Jahre nach dem Gemeinderatsbeschluss war es am 21. Juni soweit: Die erste Fahrradstraße „Bahnhof“ in der Gemeinde Weßling wurde von Bürgermeister Michael Sturm feierlich eröffnet. Der Termin wurde zum Auftakt des diesjährigen STAdtradelns gewählt. Dank entspannter Corona-Lage nahmen mehr als 50 Bürgerinnen und Bürger mit den gebotenen Abstandsregeln teil.

In zwei begleitenden Artikeln in UNSER DORF heute und dem Infoblatt der Gemeinde wurden die Verkehrsregeln für Fahrradstraßen sowie die damit verbundenen Vorfahrtsänderungen erklärt. Nicht zuletzt durch den pandemiebedingten Radlboom wurde die Fahrradstraße schnell angenommen und hat sich mittlerweile recht gut eingespielt und etabliert. Dies war im vergangenen Jahr sicherlich der größte Fortschritt unserer Gemeinde in Sachen Verkehrswende.

Radltag

Nach dem Erfolg im Vorjahr musste der zweite Radltag der Nachbarschaftshilfe wegen Corona vom Frühling in den Sommer verschoben werden. Im Rahmen des STAdtradelns fand er am 4. Juli bei schönem Wetter statt. Hauptprogrammpunkt war erneut ein Radlflohmarkt mit stattlichem Angebot und zufriedenstellender Nachfrage. Außerdem wurden wieder Einweisungen für das Lastenpedelec LaRa 1 sowie Reparaturen durch die Radl Werkstatt angeboten. Im Anschluss fand eine Radltour für Neubürger:innen und neugierige Bürger:innen statt, an der erfreulicherweise auch der erste Bürgermeister teilnahm.

STAdtradeln

Als das STAdtradeln 2020 im Frühling vorbereitet wurde war unklar, ob es überhaupt stattfinden kann oder aufgrund von Corona-Maßnahmen abgesagt werden muss. Glücklicherweise war die Lage im Frühsommer eher entspannt, sodass die Aktion mit reduziertem Programm sogar besonders erfolgreich verlief: 450 aktive Teilnehmer:innen radelten in 27 Teams 104.824 Kilometer weit, das mit Abstand beste Ergebnis in der zehnjährigen Stadtradelgeschichte unserer Gemeinde. Sehr erfreulich war auch der erstmalige Landkreissieg in der Kategorie Parlamentarier:innen-Kilometer, mit dem der neue Gemeinderat und die vorbildlich radelnden Bürgermeister den Sprung vom Underdog an die Spitze schafften – herzlichen Glückwunsch!

Sonstiges

Auch im Jahr 2020 lieferte die Mobilitätswende wieder Beiträge zu UNSER DORF heute. Darüber hinaus nahm sie mit einen Leserbrief über unnötige Anschlussstellen sowie einem Beitrag zur Windschutzscheibenperspektive Stellung zu fragwürdiger autozentrierter Verkehrsinfrastruktur.

Zunächst völlig unabhängig von der Mobilitätswende bildete sich im vergangenen Jahr eine Gruppe von ca. 25 Bürgerinnen und Bürgern, die sich für Carsharing interessieren. Mittlerweile wurde der Bedarf analysiert und verschiedene Lösungs- und Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet. Derzeit ist allerdings nicht absehbar, ob sich dieses Projekt im kommenden Jahr bis zur Umsetzung entwickeln wird.

Eine weitere lose Bürger:innen-Initiative hat sich für Verkehrsberuhigung in der Gautinger Straße gebildet. Da es sich um eine Staatsstraße mit Bedeutung für den überörtlichen Kfz-Verkehr handelt, sind die Möglichkeiten der Gemeinde hier allerdings stark eingeschränkt. Entscheidend sind vielmehr die übergeordneten Verkehrsbehörden auf Kreis- und Bezirksebene, welche letztlich die autolobbyfreundliche Verkehrspolitik von Staats- und Bundesregierung gegen Anwohner:innen durchsetzen. Aus diesem Grund war die Mobilitätswende auf Durchgangsstraßen bisher kaum aktiv.

Der Trend vom regelmäßig arbeitenden Team zu projektorientierten Initiativen hat mittlerweile auch die Mobilitätswende erfasst. Die seit der Gründung im Herbst 2012 durchgeführten monatlichen Treffen mit anschließendem Radlstammtisch fanden im Jahr 2020 nicht nur wegen Corona nur noch sporadisch statt. Zudem kostet das kommunalpolitische Engagement der (ehemals) Aktiven einen großen Teil der knappen personellen Ressourcen. Das äußerte sich auch in weniger Aktivität auf dieser Webseite.

Auch im achten Jahr der Mobilitätswende sind leider keine signifikanten Erfolge in Richtung nachhaltige Mobilität erkennbar. Noch immer nutzt die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger selbst für nur wenige hundert Meter lange Wege tonnenschwere Kraftfahrzeuge – und schadet damit der Umwelt, sich selbst und vor allem den Mitmenschen. Neben der über viele Jahrzehnte geförderten Autoabhängigkeit stimmt der pandemiebedingte Einbruch beim öffentlichen Personenverkehr nachdenklich. Grund zur Hoffnung geben hingegen der auch vor Ort belegbar deutlich wachsende Radverkehr, die beschleunigte Verkehrswende in größeren Städten sowie der sich langsam aber sicher drehende verkehrspolitische Wind.

Corona – wenn uns ein Virus die Wege weist…

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Manchmal musste ich während der vergangenen Wochen an das Jahr 1986, die Wochen und Monate nach Tschernobyl denken. Von einem Tag auf den anderen durften die Kinder nicht mehr draußen spielen und keine Milch mehr trinken. Das was uns Angst machte, die Radioaktivität, war genauso unsichtbar, wie jetzt das Virus. Wir mussten plötzlich überlegen, wie wir mit einer bisher unbekannten Bedrohung umgehen sollten. Auch jetzt treffen uns alle tiefgreifende Einschränkungen. Und es gibt kaum einen Bereich, auf den sie sich so gravierend auswirken, wie auf unser Mobilitätsverhalten: Home-Office statt Pendeln, Spaziergang statt Fahrt in die Berge, Lernen im Wohnzimmer und Spielen daheim, statt mit dem Schulbus in die Schule und dem Elterntaxi zum Training, Fahrrad statt Bus und S-Bahn, Ausgleich suchen in der Natur vor der Haustür statt Flug in die Ferne …

Für die einen ist dies Belastung und Einschränkung, andere empfinden Erleichterung und genießen es, zur Ruhe zu kommen. Der Himmel ist so blau wie schon ganz lange nicht mehr, und wenn ein Kondensstreifen zu sehen ist, ist es eine Besonderheit, wie damals in unserer Kindheit. Wo sonst der Autolärm alles überdeckt, ist jetzt wieder Vogelgezwitscher zu hören. Anstatt das Auto zu nehmen gehen wir zu Fuß zum Einkaufen – müssen uns ja eh bewegen und Zeit haben wir auch.

Und wie sie bei den Menschen das Gute und das Schlechte, die Hilfsbereitschaft der einen und den Egoismus der anderen, zum Vorschein bringt, so lässt uns die Krise auch ansonsten erkennen, was in unserem Alltag besser laufen könnte – oder sogar müsste?

Sprit so billig wie lange nicht – aber keiner tankt.

In unseren Orten sind plötzlich viele Fußgänger unterwegs, aber wenn sie Abstand zu Menschen, die ihnen entgegen kommen, halten wollen, sind die Gehwege zu eng und sie müssen weit auf die Fahrbahn ausweichen. Die wenigen Autos sollten viel vorsichtiger und langsamer unterwegs sein. Vielleicht wäre doch Shared Space im Ort eine Lösung, also die gleichberechtigte Nutzung des Straßenraums durch alle Verkehrsteilnehmer.

„Opa, auf der Straße von Unering nach Hochstadt konnten wir gar nicht schnell fahren. Da waren so viele Radler unterwegs, das war wie auf einem Radweg!“ erzählt mir mein Enkelkind ganz aufgeregt. Aber warum gibt es hier noch immer keinen Radweg?

„Unsere Fahrräder und vor allem die E-Bikes haben scheinbar das Toilettenpapier als Produkt der Begierde abgelöst“ berichtet ein Fahrradhändler. Toll, dass das Fahrrad so einen Boom erlebt, aber wenn wir den Radfahrern nicht mehr Platz einräumen, wird es mit der Begeisterung der neuen Radler bald wieder vorbei sein.

Denn auch solche Meldungen gibt es: „Radfahrerin übersieht Auto und kommt mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus“ schreibt der Kreisbote zu einem Unfall auf der Westumfahrung Starnberg. Beim Bau der Umfahrung hieß es, Radler seien hier nicht mehr erwünscht. Es würden Alternativrouten für sie geschaffen. Diese Alternativen für Radfahrer gibt es immer noch nicht.

„Doch gut, dass immer so große Linienbusse im Einsatz sind. Sechs oder sieben Fahrgäste können sich da gut verteilen!“ denke ich mir auf der Fahrt mit dem 955er nach Starnberg. Wenn es enger wäre, würde ich mich doch unwohl fühlen.

„Entschuldigung, könnten Sie mir etwas Wasser in meine Flasche füllen? Es ist ja nirgends etwas offen.“ bittet mich ein ziemlich verzweifelter Rennradler, der mich im Vorgarten sieht. Trinkwasserspender in unseren Orten wären für viele Wanderer und Radfahrer eine willkommene Hilfe.

Rückblick auf das siebte Jahr

Wie der folgende Rückblick zeigt, war das verflixte siebte Jahr seit Gründung der Mobilitätswende vor allem durch vergebliche Mühen und wenig Fortschritte für nachhaltige Mobilität in Weßling geprägt.

Mitfahrbänke

Am 5. April organisierte die Mobilitätswende ein VCD Fairkehrsforum zum Thema Mitfahrbänke. Sabine Pittroff von der Initiative mobil-LL stellte das von ihr betreute Projekt am Ammersee-Westufer vor. Aufgrund der überwiegend positiven Resonanz griff UNSER DORF e.V. die Idee auf und stellte im Herbst Mitfahrbänke an drei Standorten in Hochstadt, Oberpfaffenhofen und Weßling auf. Falls diese Bänke angenommen werden, sollen weitere folgen.

Radltag

Am 6. April fand der erste Radltag der Nachbarschaftshilfe statt. Ein Flohmarkt für nicht motorisierte Fahrzeuge und Zubehör, ehrenamtliche Reparateure der Radl Werkstatt und Einweisungen und Probefahrten mit dem Lastenpedelec LaRa 1 kamen bei den recht zahlreichen Gästen gut an.

Sowohl Mitfahrbänke als auch Radltag stellen Projekte dar, die in erfolgreicher Zusammenarbeit mit gemeinnützigen, örtlichen Vereinen verwirklicht wurden. Wir freuen uns über diese Entwicklung und hoffen auf weitere gemeinsame Vorhaben.

Park-Platz statt Parkplatz

Nach der Radldemo im Jahr 2017 initiierte die Mobilitätswende in 2019 weitere Aktivitäten des Aktionsbündnisses Verkehrswende STA, dem der ADFC Kreisverband STA, die Bund Naturschutz Kreisgruppe STA, der Energiewendeverein STA, die Mobilitätswende Weßling, die STAgenda und der VCD Kreisverband FFB-STA angehören. Im Rahmen der Aktionsserie Park-Platz statt Parkplatz fanden Parkplatzbesetzungen in Gilching, Starnberg und Herrsching statt. Wie am internationalen Park(ing) Day machten wir darauf aufmerksam, dass in attraktiven Lagen unserer Kommunen sehr viel wertvoller Straßenraum für Kfz-Parkplätze geopfert wird, und daher nicht für eine Ortsgestaltung mit hoher Aufenthaltsqualität zur Verfügung steht.

Außerdem beleuchtete die Mobilitätswende in einem Artikel für UNSER DORF heute die Auswirkungen von Stellplatzsatzungen kritisch, denn auch durch diese erhält Parkraum für Kraftfahrzeuge den Vorzug gegenüber Lebensraum für Menschen.

STAdtradeln

Beim diesjährigen STAdtradeln mit dem Motto „Cycling for Future” legten 365 Radlerinnen und Radler in 23 Teams insgesamt 79.833 km zurück – für Weßling ein durchschnittliches Ergebnis, welches angesichts des geringen Organisationsaufwands durchaus positiv zu bewerten ist. In der Wertung Kilometer pro Einwohner erzielte die Gemeinde Weßling wie immer mit großem Abstand das beste Ergebnis im Landkreis, ging aber auch bei den absoluten Kilometern deutschlandweit als zweitbeste von 318 Kommunen unter 10.000 Einwohnern hervor. In der Parlamentarierwertung schnitt der Weßlinger Gemeinderat noch schlechter ab als in den Vorjahren und musste erstmalig mit der roten Laterne im Landkreis vorlieb nehmen.

Critical Mass

Die im vorigen Jahr begonnen Critical-Mass-Aktionsserie endeten am 24. Mai wegen eines Unfalls, bei dem ein Radler verletzt wurde. Es ist bittere Ironie, dass diese Aktionsform zur Rückeroberung der Weßlinger Straßen ausgerechnet durch einen rücksichtslosen Kraftfahrer gestoppt wurde.

Radl Werkstatt und Ferienprogramm

Auch in 2019 engagierte sich die Mobilitätswende in der Radl Werkstatt. Die Nachfrage ist außerhalb der Wintermonate nach wie vor hoch, wobei mittlerweile Asylbewerber und Einheimische jeweils in etwa die Hälfte der Gäste ausmachen. Der Kurs Radl reparieren in der Radl Werkstatt im Ferienprogramm der Nachbarschaftshilfe war in diesem Jahr erstmalig ausgebucht.

Verkehrszählung

Zum dritten Mal in sechs Jahren führte die Mobilitätswende Verkehrszählungen in der Hauptstraße durch. Dabei zeigte sich, dass das Kfz-Verkehrsaufkommen gegenüber vor zwei Jahren um etwa 10 % gesunken ist. Dieses Ergebnis ist durchaus überraschend angesichts der immer noch ungebrochenen Zunahme des Kraftverkehrs in der Region – welche freilich nicht zuletzt durch den Bau der Westumfahrungen Weßling, Starnberg und Gilching verursacht wurde.

Fahrradstraßen

Als die Mobilitätswende im September 2017 die Einrichtung zweier Fahrradstraßen in Weßling/Oberpfaffenhofen vorschlug, handelte es sich noch um eine ziemlich progressive Maßnahme mit Seltenheitswert außerhalb von Großstädten. Doch mittlerweile vergeht kaum eine Woche, in der keine neue Fahrradstraße in der Region München beschlossen wird.

Der Weßlinger Gemeinderat nahm den Antrag zur Realisierung der Fahrradstraßen am 23. Januar 2018 einstimmig an. Bis heute, fast zwei Jahre später, wurde er jedoch noch immer nicht umgesetzt. Denn Bürgermeister und Verwaltung nutzten nicht die Chance, das klare Abstimmungsergebnis für einen Fortschritt in nachhaltiger Mobilität zu nutzen, sondern versuchten in immer neuen Iterationen, die Fahrradstraßen so weit wie möglich zu verhindern. Verbündete fanden sie bei der Verkehrspolizei Herrsching, die in ihren Stellungnahmen allein die Belange des Kraftverkehrs im Auge hat, und beim Verkehrsmanagement des Landkreis STA, welches den Radverkehr üblicherweise dem Linienbusverkehr unterordnet.

So soll nach den letzten uns vorliegenden Informationen die Fahrradstraße Pfarrstadel gar nicht umgesetzt werden, weil dort angeblich eine schwammige Verwaltungsvorschrift zur vorherrschenden Verkehrsart nicht exakt erfüllt sei. Und die Fahrradstraße Bahnhof soll nur teilweise zwischen Einmündung Schulstraße/Bahnhofstraße und Kreuzung Meilinger Weg/Steinebacher Weg realisiert werden. Vom beantragten und beschlossenen Umfang bliebe dann nur gut ein Viertel übrig. Wir setzen darauf, dass unser nächster Bürgermeister für eine vollumfängliche Umsetzung der Fahrradstraßen eintreten wird.

Fahrradabstellanlagen

Auch bei den gemeindlichen Fahrradabstellanlagen gab es im Jahr 2019 keine erkennbaren Fortschritte für Radlerinnen und Radler. Warum der im Oktober 2018 gefasste Gemeinderatsbeschluss zur Errichtung einer Roller- und Fahrradabstellanlage am Grundschulhaus Weßling bis heute nicht realisiert wurde, ist unklar. Aber immerhin gibt es Hinweise dafür, dass die Verwaltung Maßnahmen für die Abstellanlagen am Bahnhof und am Freizeitheim in Hochstadt einleitet.

Radverkehrsführung

In 2019 wurden in Weßling drei Änderungen der Radverkehrsführung eingeführt. Erstens wurde die Vorfahrtsregelung an der Kreuzung Grünsinker Straße/Schulstraße umgekehrt, sodass der Radverkehr in der zukünftigen Fahrradstraße Vorfahrt genießt – angesichts deren schwieriger Geburt ein durchaus beachtlicher Fortschritt. Zweitens wurde im Anschluss an einen Modellversuch in der östlichen Hauptstraße zwischen den Einmündungen Gautinger Straße und Nelkenweg die Radwegbenutzungspflicht aufgehoben (Gehweg mit Zusatzschild Radfahrer frei statt gemeinsamer Geh- und Radweg). Und drittens wurde die Bahnhofstraße zur für den Radverkehr offenen Einbahnstraße erklärt, was wegen der Verhinderung von Kfz-Begegnungsverkehr und deutlich verminderter Dooring-Gefahr durch linksseitige Stellplätze vorteilhaft ist.

Für Kopfschütteln sorgte die erneute Ablehnung einer Rotmarkierung der Radverkehrsfurt an der Einmündung Nelkenweg/Hauptstraße. Dass eine Radverkehrsbeauftragte diese Maßnahme aus den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen offiziell ablehnt, dürfte deutschlandweit einmalig sein. Nun soll wenigstens eine Furtmarkierung durch weiße, unterbrochenen Linien aufgebracht werden.

Sonstiges

Wie in den Vorjahren unterstützte die Mobilitätswende tatkräftig den Lastenpedelec-Verleih der Nachbarschaftshilfe und wirkte im Arbeitskreis mobil & lebenswert mit. In letzterem wurden einige Maßnahmen wie Bordsteinabsenkungen, ein Verkehrsspiegel für die Edeka-Zufahrt oder ungefährlichere Absperrpfosten für den Geh- und Radweg nach Etterschlag erarbeitet, die allerdings ebenfalls noch nicht von der Gemeindeverwaltung umgesetzt wurden. Ein unerwarteter Lichtblick ist die Absicht der Gemeinde Wörthsee, eine Unterführung für den durch die Westumfahrung abgeschnittenen Wirtschaftsweg an der Mitterwiese zu bauen.

Die Torpedierung der Fahrradstraßen und der anderthalbjährige Stillstand bei den anderen offenen Maßnahmen hat dem Engagement in der Mobilitätswende erheblich geschadet und es ist derzeit unklar, ob und wie es weiter geht. Dennoch ist das vergangene Jahr kein verlorenes Jahr, denn durch die Fridays-for-Future-Bewegung und die wirkmächtigen Proteste bei der Internationalen Automobilausstellung ist im Bewusstsein der Masse angekommen, dass die autozentrierte Mobilität von heute weder global gerecht noch nachhaltig – und damit nicht zukunftsfähig ist. Der Wandel ist in den Großstädten bereits im Gange und wird früher oder später auch bei uns nicht länger aufzuhalten sein.