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100 Tage autofrei

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Im August 2021 konntest du ein paar Tipps lesen, mit deren Hilfe sich einzelne Autofahrten leichter vermeiden lassen.

Zum Start ins neue Jahr haben wir uns etwas Neues vorgenommen: Wir wollen es schaffen, an mindestens 100 Tagen unser Auto gar nicht zu bewegen, also unserem Auto frei zu geben oder auch uns selbst vom Auto frei zu machen. Der Januar ist vorbei und wir liegen ganz gut im Rennen! Der Vorsatz hilft dabei, unsere Wege noch besser zu organisieren. Und das Überraschende daran: Ein Tag ganz ohne Auto ist ein ganz besonderer Genuss! Probiere es einfach mal aus. Wir freuen uns auf deine Rückmeldungen und sind gespannt, welche Familie die 100 autofreien Tage als erstes schafft und welche am Jahresende von den meisten autofreien Tagen berichten kann.

Rückblick auf das neunte Jahr

Einmal mehr schauen wir zurück auf die Ereignisse und Aktivitäten der Mobilitätswende Weßling im vergangenen Jahr 2021.

Radl Werkstatt

Das Team der Radl Werkstatt hat sich mittlerweile in der Doppelgarage beim Kinderhaus Regenbogen eingewöhnt. Da dort keine Heizung zur Verfügung steht, blieb die Werkstatt im Winter geschlossen. Anschließend erreichte die Nachfrage trotz überlasteter Fahrradwerkstätten nicht wieder das gewohnt hohe Niveau. Der Rückgang geht anscheinend auf zunehmend eigenständige Geflüchtete zurück, die auf höherwertige Fahrräder oder Autos umgestiegen sind.

Radlständer-Vergleichstest

Nach vier Jahren Pause führte die Mobilitätswende in 2021 erneut einen Vergleichstest der Radlständer im Gemeindegebiet durch. Wie schon in der Vergangenheit waren sowohl bei den öffentlichen wie auch bei den gewerblichen Abstellanlagen kaum Fortschritte feststellbar. Zwar gibt es einige neue Radlständer (Friedhof Grünsinker Straße, Edeka, Sparkasse, Amselcafé und MK-Gesundheitszentrum), doch durch den Wegfall an anderen Standorten verminderte sich die Gesamtanzahl sogar um 16 Abstellplätze. Auch qualititiv hat sich kaum etwas getan: Die Gesamtschulnoten für öffentliche (3,3) sowie Radlständer für Kund:innen (3,6) blieben unverändert auf mäßigem Niveau. Immerhin besteht begründete Hoffnung, dass in 2022 endlich mit der Sanierung und Erweiterung der Abstellanlagen am Bahnhof begonnen wird, sodass bei diesem Thema einen Quantensprung vollzogen werden kann.

STAdtradeln

Nach dem Rekordergebnis im ersten Corona-Jahr 2020 verlief das STAdtradeln 2021 leicht unterdurchschnittlich. Der Rückgang ist sicherlich in erster Linie dem vielen regnerischen und gewittrigen Wetter während des Aktionszeitraums (20. Juni bis 10. Juli) geschuldet. Aber auch das allmähliche Abflachen des Corona-bedingten Radlbooms mag eine Rolle gespielt haben. So legten 337 Radlerinnen und Radler in 25 Teams 69.540 Kilometer für die Gemeinde Weßling zurück, das viertbeste Ergebnis im Landkreis hinter Starnberg, Gauting und Gilching. Einmal mehr siegte Weßling im Landkreis in der Wertung Kilometer/Einwohner:in mit großem Abstand. Und auch in der Parlamentarierwertung war Weßling erneut Spitze im Landkreis: Elf Gemeinderät:innen und ein Bürgermeister radelten 2794 Kilometer. Dieses deutliche Bekenntnis zum Radeln verleiht der Verkehrswende vor Ort wertvollen Rückenwind.

Radltag

Der dritte Radltag der Nachbarschaftshilfe fand am 20. Juni im Rahmen des STAdtradelns statt und verlief sehr erfolgreich. Neben dem zentralen Radlflohmarkt stand wieder das Team der Radl Werkstatt für Reparaturen zur Verfügung, der ADFC bot die Codierung von Fahrrädern an und die Mobilitätswende führte Einweisungen und Probefahrten mit dem Lastenpedelec LaRa 1 durch. Außerdem gab es eine Radltour für Neubürger:innen und neugierige Bürger:innen mit Beteiligung von Bürgermeister Michael Sturm. Die reibungslose Zusammenarbeit mit der Nachbarschaftshilfe und der große Zuspruch der Gäste machten den Radltag einmal mehr zu einer besonders erfreulichen Aktion.

Ferienprogramm

Nach der Corona-Zwangspause in 2020 konnte das Ferienprogramm der Nachbarschaftshilfe in 2021 wieder stattfinden. Am 5. August lud die Radl Werkstatt erneut zum Reparaturkurs ein. Die begrenzte Teilnehmerzahl tat dem Spaß am Schrauben keinen Abbruch – im Gegenteil. Vor allem das Ausschlachten gespendeter Radl und natürlich der abschließende Ausflug zum Eisessen am See kamen auch diesmal sehr gut an.

Kommunalpolitik

Die Zusammenarbeit von Gemeinde und Mobilitätsreferent Gerhard Hippmann entwickelte sich im Jahr 2021 positiv. Durch das vertrauensvolle Miteinander konnten zahlreiche Beschlüsse und Maßnahmen für verträgliche Mobilität auf den Weg gebracht werden:

Allerdings gab es auch einige Rückschläge zu verzeichnen:

  • Im Januar wurde die Einrichtung eines verkehrsberuhigten Geschäftsbereichs in der Bahnhofstraße von der unteren Verkehrsbehörde im Landratsamt abgelehnt.
  • Am 19. Januar wurde eine fahrradfreundliche Änderung der Vorfahrtsregelung Meilinger Weg – Steinebacher Weg von „Stop“ nach „Vorfahrt gewähren“ vom Gemeinderat abgelehnt.
  • Im April wurde die von der Gemeinde geforderte bauliche Verbesserung der Geh- und Radwegunterführung am Dellinger Kreisel vom Straßenbauamt abgelehnt.
  • Eine Querungshilfe über die Dorfstraße zwischen Riedbergweg und Kirchenstraße musste aufgrund der extrem ungünstigen Sichtverhältnisse verworfen werden.

Dennoch ist erfreulich, dass viele kleine Fortschritte erzielt werden konnten – und dass bereits eine ganze Reihe weiterer Maßnahmen für das kommende Jahr in Vorbereitung sind.

Sonstiges

In 2021 lieferte die Mobilitätswende nur einen Beitrag mit Tipps für (fast) autofreies Leben für UNSER DORF heute, denn für die erste Ausgabe des Jahres mit dem Schwerpunkt Klimaschutz wurde sie erstaunlicherweise nicht angefragt. Außerdem versuchte sie mit einer offenen E-Mail an die Radverkehrsbeauftragte des Landkreises, die Beendigung der unsäglichen Baustellenbeschilderung im Meilinger Weg zu veranlassen. Beim Thema Carsharing gab es leider keine Fortschritte.

Fazit

Die Förderung verträglicher Mobilität verlagert sich immer mehr von der Mobilitätswende als Ideengeberin in die Gemeindepolitik. Auf diesem direkten Weg konnten in 2021 viele kleinere Maßnahmen beschlossen und realisiert werden. Gleichzeitig nimmt die Handlungsfähigkeit der Mobilitätswende nicht zuletzt wegen Corona-Beschränkungen immer weiter ab, weil sich mangels regelmäßiger Treffen und Aktivitäten keine neuen Mitstreiter:innen finden. Wenn diese Entwicklung anhält spricht vieles dafür, dass die Mobilitätswende im zehnten Jahr 2022 ihre Aktivitäten einstellen wird – ähnlich wie es der aus der Zeit gefallene Verkehrsberuhigungsverein Ende 2020 getan hat.

Nachdem es im ersten Corona-Jahr 2020 vorübergehend so aussah, als ob unsere Gesellschaft einen nachhaltigeren Pfad einschlägt, befinden wir uns nun wieder auf dem desaströsen Wohlstand-durch-Wachstum-Kurs der Nachkriegszeit. Die Ernennung des neuen Bundesverkehrsministers deutet stark darauf hin, dass auch in den kommenden vier Jahren versäumt werden wird, Randbedingungen für eine echte Verkehrswende zu schaffen. Somit ist es für eine kleine Gemeinde kaum möglich, der privilegierten und hochsubventionierten Automobilität Einhalt zu gebieten – bestenfalls lassen sich einige Grundlagen für die unausweichlich nachhaltige Mobilität von übermorgen schaffen.

(Fast) ohne Auto? Probier es aus!

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Kaum etwas fällt uns schwerer, als Gewohnheiten zu ändern. Wie soll das also gehen, das Auto stehen zu lassen und öfter zu Fuß, mit dem Fahrrad oder gar mit Bus und Bahn unterwegs zu sein? Das wäre ja besser, fürs Klima und auch für deine Gesundheit! Ein Plan muss her! Und ein paar Tricks können helfen:

Zu Fuß geht es sich besser mit bequemen Schuhen und kleinere Einkäufe lassen sich gut im Rucksack tragen. Am besten mit Walking-Runden oder Spaziergängen beginnen. Du merkst schnell, wie gut das tut – und welche Besorgungen du gleich mit erledigen kannst.

Das Rad muss schneller zur Hand sein, als das Auto. Also: Gleich die Plätze in der Garage tauschen, sodass du immer zuerst dein Rad in die Hand nehmen musst – dann setzt du dich auch leichter drauf. Natürlich muss das Rad auch funktionieren, also eine Proberunde drehen, Luft aufpumpen und Bremsen und Licht testen.

Du willst deine Kollegen beeindrucken und mit dem Rad zur Arbeit fahren? Fang jetzt im Sommer damit an. Das fällt viel leichter und wenn die Blätter fallen, kannst du es ja wieder ausklingen lassen. Vielleicht packt dich aber auch der Ehrgeiz, du kaufst dir wasserdichte und warme Fahrradkleidung und dehnst die Fahrradsaison immer weiter aus.

Weißt du, wo die nächste Bushaltestelle ist und wann und wohin die Busse fahren? Schau doch einfach mal nach und überlege dir, welche Ziele sich so erreichen lassen. Diverse Apps erleichtern es dir, Verbindungen zu finden und Fahrkarten zu kaufen.

Jetzt brauchst du noch einen Speiseplan für die nächste Woche. Warum? Damit du einen Einkaufszettel schreiben kannst. So fällt es dir viel leichter, Einkäufe zusammen zu legen, und mancher Weg lässt sich ganz vermeiden. Vielleicht wird es ein großer Wocheneinkauf mit dem Auto und ein paar kleinere zu Fuß oder mit dem Rad. Auf jeden Fall besser als dreimal am Tag wegen einer Kleinigkeit ins Auto zu steigen, oder?

Und jetzt kommt das Wichtigste, und das passiert im Kopf! Jedes Mal, wenn du aus dem Haus gehst, stellst du dir diese Fragen: Kann ich das zu Fuß erledigen? Oder besser mit dem Rad? Ist das Ziel am besten mit Bus oder Bahn erreichbar? Erst, wenn du dir alle Fragen gestellt und ohne zu schummeln mit „nein“ beantwortet hast, darfst du dich auf die Suche nach dem Autoschlüssel machen.

Viel Spaß bei deinem neuen Leben vielleicht nicht ohne, aber jedenfalls mit viel weniger Auto!

Viele weitere Tipps gibt es im Buch Besser leben ohne Auto.

Rückblick auf das achte Jahr

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Arbeit und Projekte der Mobilitätswende Weßling im Jahr 2020.

Mitfahrbänke

Seit Herbst 2019 gibt es Mitfahrbänke in den drei Ortsteilen der Gemeinde. Nach ersten positiven Erfahrungen warteten wir gespannt auf den Beginn des Frühlings, um zu verfolgen, wie das Konzept von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen wird. Doch dann zog die Corona-Pandemie ein und stellte den Alltag auf den Kopf, sodass die zu den erforderlichen Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen im Widerspruch stehenden Mitfahrbänke leider verwaisten. Allerdings wurde bereits deutlich, dass Vandalismus, Wind und Wetter nach einer robusteren Ausführung der Haltestellenausrüstung verlangen.

Lockdown

Der Lockdown im Frühling wirkte sich in erstaunlichem Maße auf das Mobilitätsverhalten der Menschen aus. Der starke Rückgang des Kfz- und Flugverkehrs und die deutliche Zunahme von Fuß- und Radverkehr gaben einen Ausblick auf die Auswirkungen einer erfolgreichen Verkehrswende. Andererseits verlor der öffentliche Personenverkehr wegen Ansteckungsgefahr massiv an Zuspruch – und dieser negative Effekt wird wohl erheblich länger anhalten als die vorübergehenden positiven Entwicklungen bei den anderen verträglichen Verkehrsformen. Leider war beim zweiten Lockdown im Herbst keine deutliche Reduzierung der Kfz-Verkehrsbelastung mehr zu beobachten.

Radl Werkstatt

Da die Garagenräume auf der Rückseite des ehemaligen Feuerwehrhauses Weßling zur Kita umgebaut wurden, musste die Radl Werkstatt ausziehen. Erfreulicherweise stellte die Gemeinde die direkt nebenan liegende Doppelgarage als neuen Werkstattraum zur Verfügung. Der Umzug erfolgte im Mai und die neuen Räume haben sich seitdem bewährt – nur im Winter muss die Radl Werkstatt nun geschlossen bleiben, weil es dort mangels Heizung zu kalt zum Arbeiten wird.

Auch in diesem Jahr war die Nachfrage sowohl von Geflüchteten als auch Einheimischen in der Radl Werkstatt oft hoch, und es hat sich ein vierköpfiges zuverlässiges Reparaturteam eingespielt. Der Radl-Reparaturkurs im Rahmen des Ferienprogramms der Nachbarschaftshilfe musste leider pandemiebedingt entfallen.

Kommunalpolitik

Mit der Kommunalwahl im März hat nachhaltige Mobilität deutlich mehr Gewicht in Gemeinde- und Kreisrat erhalten. Mit Gerhard Hippmann wurde ein Kandidat in den Gemeinderat gehäufelt, der zuvor in der Mobilitätswende aktiv war und speziell mit diesem Thema angetreten war. Auch im Beirat des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Energie und Mobilität (Gerhard Sailer) sowie in der Geschäftsleitung der Gemeindeverwaltung (Astrid Kahle) ist nun Personal mit Mobilitätswende-Vergangenheit vertreten. Nicht zuletzt bringt auch der neue Bürgermeister Michael Sturm wesentlich mehr Verständnis für verträgliche Mobilität mit. Hier besteht also Grund zur Hoffnung für erhöhte Qualität und Quantität in Sachen Verkehrswende – allerdings muss für jede wichtige Entscheidung nach wie vor eine Mehrheit im Gemeinderat gefunden werden.

Im Rahmen der Verhandlungen zur neuen Geschäftsordnung wurde der Arbeitskreis mobil & lebenswert aufgelöst. Das ist bedauerlich, weil er in seinen 29 Sitzungen zwischen Mai 2016 und Dezember 2019 zahlreiche konstruktive Beiträge geliefert und eine besonders unkomplizierte und niederschwellige Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht hatte.

Fahrradstraße

Fast zweieinhalb Jahre nach dem Gemeinderatsbeschluss war es am 21. Juni soweit: Die erste Fahrradstraße „Bahnhof“ in der Gemeinde Weßling wurde von Bürgermeister Michael Sturm feierlich eröffnet. Der Termin wurde zum Auftakt des diesjährigen STAdtradelns gewählt. Dank entspannter Corona-Lage nahmen mehr als 50 Bürgerinnen und Bürger mit den gebotenen Abstandsregeln teil.

In zwei begleitenden Artikeln in UNSER DORF heute und dem Infoblatt der Gemeinde wurden die Verkehrsregeln für Fahrradstraßen sowie die damit verbundenen Vorfahrtsänderungen erklärt. Nicht zuletzt durch den pandemiebedingten Radlboom wurde die Fahrradstraße schnell angenommen und hat sich mittlerweile recht gut eingespielt und etabliert. Dies war im vergangenen Jahr sicherlich der größte Fortschritt unserer Gemeinde in Sachen Verkehrswende.

Radltag

Nach dem Erfolg im Vorjahr musste der zweite Radltag der Nachbarschaftshilfe wegen Corona vom Frühling in den Sommer verschoben werden. Im Rahmen des STAdtradelns fand er am 4. Juli bei schönem Wetter statt. Hauptprogrammpunkt war erneut ein Radlflohmarkt mit stattlichem Angebot und zufriedenstellender Nachfrage. Außerdem wurden wieder Einweisungen für das Lastenpedelec LaRa 1 sowie Reparaturen durch die Radl Werkstatt angeboten. Im Anschluss fand eine Radltour für Neubürger:innen und neugierige Bürger:innen statt, an der erfreulicherweise auch der erste Bürgermeister teilnahm.

STAdtradeln

Als das STAdtradeln 2020 im Frühling vorbereitet wurde war unklar, ob es überhaupt stattfinden kann oder aufgrund von Corona-Maßnahmen abgesagt werden muss. Glücklicherweise war die Lage im Frühsommer eher entspannt, sodass die Aktion mit reduziertem Programm sogar besonders erfolgreich verlief: 450 aktive Teilnehmer:innen radelten in 27 Teams 104.824 Kilometer weit, das mit Abstand beste Ergebnis in der zehnjährigen Stadtradelgeschichte unserer Gemeinde. Sehr erfreulich war auch der erstmalige Landkreissieg in der Kategorie Parlamentarier:innen-Kilometer, mit dem der neue Gemeinderat und die vorbildlich radelnden Bürgermeister den Sprung vom Underdog an die Spitze schafften – herzlichen Glückwunsch!

Sonstiges

Auch im Jahr 2020 lieferte die Mobilitätswende wieder Beiträge zu UNSER DORF heute. Darüber hinaus nahm sie mit einen Leserbrief über unnötige Anschlussstellen sowie einem Beitrag zur Windschutzscheibenperspektive Stellung zu fragwürdiger autozentrierter Verkehrsinfrastruktur.

Zunächst völlig unabhängig von der Mobilitätswende bildete sich im vergangenen Jahr eine Gruppe von ca. 25 Bürgerinnen und Bürgern, die sich für Carsharing interessieren. Mittlerweile wurde der Bedarf analysiert und verschiedene Lösungs- und Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet. Derzeit ist allerdings nicht absehbar, ob sich dieses Projekt im kommenden Jahr bis zur Umsetzung entwickeln wird.

Eine weitere lose Bürger:innen-Initiative hat sich für Verkehrsberuhigung in der Gautinger Straße gebildet. Da es sich um eine Staatsstraße mit Bedeutung für den überörtlichen Kfz-Verkehr handelt, sind die Möglichkeiten der Gemeinde hier allerdings stark eingeschränkt. Entscheidend sind vielmehr die übergeordneten Verkehrsbehörden auf Kreis- und Bezirksebene, welche letztlich die autolobbyfreundliche Verkehrspolitik von Staats- und Bundesregierung gegen Anwohner:innen durchsetzen. Aus diesem Grund war die Mobilitätswende auf Durchgangsstraßen bisher kaum aktiv.

Der Trend vom regelmäßig arbeitenden Team zu projektorientierten Initiativen hat mittlerweile auch die Mobilitätswende erfasst. Die seit der Gründung im Herbst 2012 durchgeführten monatlichen Treffen mit anschließendem Radlstammtisch fanden im Jahr 2020 nicht nur wegen Corona nur noch sporadisch statt. Zudem kostet das kommunalpolitische Engagement der (ehemals) Aktiven einen großen Teil der knappen personellen Ressourcen. Das äußerte sich auch in weniger Aktivität auf dieser Webseite.

Auch im achten Jahr der Mobilitätswende sind leider keine signifikanten Erfolge in Richtung nachhaltige Mobilität erkennbar. Noch immer nutzt die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger selbst für nur wenige hundert Meter lange Wege tonnenschwere Kraftfahrzeuge – und schadet damit der Umwelt, sich selbst und vor allem den Mitmenschen. Neben der über viele Jahrzehnte geförderten Autoabhängigkeit stimmt der pandemiebedingte Einbruch beim öffentlichen Personenverkehr nachdenklich. Grund zur Hoffnung geben hingegen der auch vor Ort belegbar deutlich wachsende Radverkehr, die beschleunigte Verkehrswende in größeren Städten sowie der sich langsam aber sicher drehende verkehrspolitische Wind.

Carsharing nimmt Fahrt auf

Das Interesse an gemeinschaftlich genutzten Autos wächst langsam aber sicher

Seit 2007 hat sich die Anzahl der in unserer Gemeinde zugelassenen Kraftfahrzeuge um fast 700 erhöht. Mit 868 Kfz pro 1000 Einwohner liegt der Motorisierungsgrad weit über dem Bundesdurchschnitt von 701. Diese Entwicklung ist nicht nur hinsichtlich Klimakrise und Ressourcenverbrauch inakzeptabel, sondern wirkt sich auch in hohem Maße negativ auf das Ortsbild und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum aus.

Die gemeinschaftliche Nutzung von Pkws kann bekanntlich dazu beitragen, diesem fatalen Trend entgegenzuwirken. In den letzten Monaten haben sich etwas mehr als 20 Bürgerinnen und Bürger zusammen gefunden, die sich gerne an Carsharing beteiligen möchten. Dabei handelt es sich überwiegend um Menschen, die weitgehend autofrei leben, oder die gelegentlich ein zusätzliches Fahrzeug benötigen, wenn der Familienfuhrpark nicht ausreicht. Bei zwei Treffen wurden Erfahrungen ausgetauscht und Möglichkeiten ausgelotet.

In unserer kleinen Gemeinde kommt nur stationsgebundenes Carsharing in Betracht, bei dem die Fahrzeuge an einem festen Stellplatz stehen, wenn sie nicht genutzt werden. Dabei sind zwei wesentlich unterschiedliche Organisationsformen möglich: Einerseits können die Fahrzeuge durch ein Unternehmen wie STATTAUTO oder die Energiegenossenschaft Fünfseenland bereit gestellt werden. Diese Variante ist zwar vergleichsweise teuer, aber komfortabel und ohne großes Engagement der Nutzerinnen und Nutzer realisierbar. Andererseits kann die Organisation durch einen Verein erfolgen, sodass vorhandene Fahrzeuge eingebracht werden können und auch sonst deutlich mehr Flexibilität gegeben ist. Dabei wäre es möglich, sich einem bestehenden Verein wie z. B. Carsharing Königsbrunn anzuschließen, sodass vor Ort nur Wartung und Pflege der Fahrzeuge zu leisten sind.

Voraussetzung für dauerhaft erfolgreiches Carsharing ist in jedem Fall eine regelmäßige Nutzung der geteilten Autos, welche durch „Grundlastnutzer“ gewährleistet werden kann. Die Gemeindeverwaltung, die Nachbarschaftshilfe und der Gasthof Il Plonner haben dafür Interesse bekundet. Derzeit werden weiter Informationen gesammelt und Interessierte gesucht, um ein tragfähiges Konzept und eine ausreichende Nutzerbasis zu finden.

Weitere Informationen zum Thema Carsharing in der Gemeinde Weßling gibt es unter Projekte/Carsharing. Bitte melden Sie sich unter carsharing(at)mobilitaetswende-wessling.de, wenn auch Sie Interesse daran haben, durch Carsharing die Kfz-Belastung unserer Gemeinde zu verringern und nachhaltiger mobil zu werden.

Corona – wenn uns ein Virus die Wege weist…

von Gerhard Sailer für Unser Dorf heute

Manchmal musste ich während der vergangenen Wochen an das Jahr 1986, die Wochen und Monate nach Tschernobyl denken. Von einem Tag auf den anderen durften die Kinder nicht mehr draußen spielen und keine Milch mehr trinken. Das was uns Angst machte, die Radioaktivität, war genauso unsichtbar, wie jetzt das Virus. Wir mussten plötzlich überlegen, wie wir mit einer bisher unbekannten Bedrohung umgehen sollten. Auch jetzt treffen uns alle tiefgreifende Einschränkungen. Und es gibt kaum einen Bereich, auf den sie sich so gravierend auswirken, wie auf unser Mobilitätsverhalten: Home-Office statt Pendeln, Spaziergang statt Fahrt in die Berge, Lernen im Wohnzimmer und Spielen daheim, statt mit dem Schulbus in die Schule und dem Elterntaxi zum Training, Fahrrad statt Bus und S-Bahn, Ausgleich suchen in der Natur vor der Haustür statt Flug in die Ferne …

Für die einen ist dies Belastung und Einschränkung, andere empfinden Erleichterung und genießen es, zur Ruhe zu kommen. Der Himmel ist so blau wie schon ganz lange nicht mehr, und wenn ein Kondensstreifen zu sehen ist, ist es eine Besonderheit, wie damals in unserer Kindheit. Wo sonst der Autolärm alles überdeckt, ist jetzt wieder Vogelgezwitscher zu hören. Anstatt das Auto zu nehmen gehen wir zu Fuß zum Einkaufen – müssen uns ja eh bewegen und Zeit haben wir auch.

Und wie sie bei den Menschen das Gute und das Schlechte, die Hilfsbereitschaft der einen und den Egoismus der anderen, zum Vorschein bringt, so lässt uns die Krise auch ansonsten erkennen, was in unserem Alltag besser laufen könnte – oder sogar müsste?

Sprit so billig wie lange nicht – aber keiner tankt.

In unseren Orten sind plötzlich viele Fußgänger unterwegs, aber wenn sie Abstand zu Menschen, die ihnen entgegen kommen, halten wollen, sind die Gehwege zu eng und sie müssen weit auf die Fahrbahn ausweichen. Die wenigen Autos sollten viel vorsichtiger und langsamer unterwegs sein. Vielleicht wäre doch Shared Space im Ort eine Lösung, also die gleichberechtigte Nutzung des Straßenraums durch alle Verkehrsteilnehmer.

„Opa, auf der Straße von Unering nach Hochstadt konnten wir gar nicht schnell fahren. Da waren so viele Radler unterwegs, das war wie auf einem Radweg!“ erzählt mir mein Enkelkind ganz aufgeregt. Aber warum gibt es hier noch immer keinen Radweg?

„Unsere Fahrräder und vor allem die E-Bikes haben scheinbar das Toilettenpapier als Produkt der Begierde abgelöst“ berichtet ein Fahrradhändler. Toll, dass das Fahrrad so einen Boom erlebt, aber wenn wir den Radfahrern nicht mehr Platz einräumen, wird es mit der Begeisterung der neuen Radler bald wieder vorbei sein.

Denn auch solche Meldungen gibt es: „Radfahrerin übersieht Auto und kommt mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus“ schreibt der Kreisbote zu einem Unfall auf der Westumfahrung Starnberg. Beim Bau der Umfahrung hieß es, Radler seien hier nicht mehr erwünscht. Es würden Alternativrouten für sie geschaffen. Diese Alternativen für Radfahrer gibt es immer noch nicht.

„Doch gut, dass immer so große Linienbusse im Einsatz sind. Sechs oder sieben Fahrgäste können sich da gut verteilen!“ denke ich mir auf der Fahrt mit dem 955er nach Starnberg. Wenn es enger wäre, würde ich mich doch unwohl fühlen.

„Entschuldigung, könnten Sie mir etwas Wasser in meine Flasche füllen? Es ist ja nirgends etwas offen.“ bittet mich ein ziemlich verzweifelter Rennradler, der mich im Vorgarten sieht. Trinkwasserspender in unseren Orten wären für viele Wanderer und Radfahrer eine willkommene Hilfe.

Rückblick auf das siebte Jahr

Wie der folgende Rückblick zeigt, war das verflixte siebte Jahr seit Gründung der Mobilitätswende vor allem durch vergebliche Mühen und wenig Fortschritte für nachhaltige Mobilität in Weßling geprägt.

Mitfahrbänke

Am 5. April organisierte die Mobilitätswende ein VCD Fairkehrsforum zum Thema Mitfahrbänke. Sabine Pittroff von der Initiative mobil-LL stellte das von ihr betreute Projekt am Ammersee-Westufer vor. Aufgrund der überwiegend positiven Resonanz griff UNSER DORF e.V. die Idee auf und stellte im Herbst Mitfahrbänke an drei Standorten in Hochstadt, Oberpfaffenhofen und Weßling auf. Falls diese Bänke angenommen werden, sollen weitere folgen.

Radltag

Am 6. April fand der erste Radltag der Nachbarschaftshilfe statt. Ein Flohmarkt für nicht motorisierte Fahrzeuge und Zubehör, ehrenamtliche Reparateure der Radl Werkstatt und Einweisungen und Probefahrten mit dem Lastenpedelec LaRa 1 kamen bei den recht zahlreichen Gästen gut an.

Sowohl Mitfahrbänke als auch Radltag stellen Projekte dar, die in erfolgreicher Zusammenarbeit mit gemeinnützigen, örtlichen Vereinen verwirklicht wurden. Wir freuen uns über diese Entwicklung und hoffen auf weitere gemeinsame Vorhaben.

Park-Platz statt Parkplatz

Nach der Radldemo im Jahr 2017 initiierte die Mobilitätswende in 2019 weitere Aktivitäten des Aktionsbündnisses Verkehrswende STA, dem der ADFC Kreisverband STA, die Bund Naturschutz Kreisgruppe STA, der Energiewendeverein STA, die Mobilitätswende Weßling, die STAgenda und der VCD Kreisverband FFB-STA angehören. Im Rahmen der Aktionsserie Park-Platz statt Parkplatz fanden Parkplatzbesetzungen in Gilching, Starnberg und Herrsching statt. Wie am internationalen Park(ing) Day machten wir darauf aufmerksam, dass in attraktiven Lagen unserer Kommunen sehr viel wertvoller Straßenraum für Kfz-Parkplätze geopfert wird, und daher nicht für eine Ortsgestaltung mit hoher Aufenthaltsqualität zur Verfügung steht.

Außerdem beleuchtete die Mobilitätswende in einem Artikel für UNSER DORF heute die Auswirkungen von Stellplatzsatzungen kritisch, denn auch durch diese erhält Parkraum für Kraftfahrzeuge den Vorzug gegenüber Lebensraum für Menschen.

STAdtradeln

Beim diesjährigen STAdtradeln mit dem Motto „Cycling for Future” legten 365 Radlerinnen und Radler in 23 Teams insgesamt 79.833 km zurück – für Weßling ein durchschnittliches Ergebnis, welches angesichts des geringen Organisationsaufwands durchaus positiv zu bewerten ist. In der Wertung Kilometer pro Einwohner erzielte die Gemeinde Weßling wie immer mit großem Abstand das beste Ergebnis im Landkreis, ging aber auch bei den absoluten Kilometern deutschlandweit als zweitbeste von 318 Kommunen unter 10.000 Einwohnern hervor. In der Parlamentarierwertung schnitt der Weßlinger Gemeinderat noch schlechter ab als in den Vorjahren und musste erstmalig mit der roten Laterne im Landkreis vorlieb nehmen.

Critical Mass

Die im vorigen Jahr begonnen Critical-Mass-Aktionsserie endeten am 24. Mai wegen eines Unfalls, bei dem ein Radler verletzt wurde. Es ist bittere Ironie, dass diese Aktionsform zur Rückeroberung der Weßlinger Straßen ausgerechnet durch einen rücksichtslosen Kraftfahrer gestoppt wurde.

Radl Werkstatt und Ferienprogramm

Auch in 2019 engagierte sich die Mobilitätswende in der Radl Werkstatt. Die Nachfrage ist außerhalb der Wintermonate nach wie vor hoch, wobei mittlerweile Asylbewerber und Einheimische jeweils in etwa die Hälfte der Gäste ausmachen. Der Kurs Radl reparieren in der Radl Werkstatt im Ferienprogramm der Nachbarschaftshilfe war in diesem Jahr erstmalig ausgebucht.

Verkehrszählung

Zum dritten Mal in sechs Jahren führte die Mobilitätswende Verkehrszählungen in der Hauptstraße durch. Dabei zeigte sich, dass das Kfz-Verkehrsaufkommen gegenüber vor zwei Jahren um etwa 10 % gesunken ist. Dieses Ergebnis ist durchaus überraschend angesichts der immer noch ungebrochenen Zunahme des Kraftverkehrs in der Region – welche freilich nicht zuletzt durch den Bau der Westumfahrungen Weßling, Starnberg und Gilching verursacht wurde.

Fahrradstraßen

Als die Mobilitätswende im September 2017 die Einrichtung zweier Fahrradstraßen in Weßling/Oberpfaffenhofen vorschlug, handelte es sich noch um eine ziemlich progressive Maßnahme mit Seltenheitswert außerhalb von Großstädten. Doch mittlerweile vergeht kaum eine Woche, in der keine neue Fahrradstraße in der Region München beschlossen wird.

Der Weßlinger Gemeinderat nahm den Antrag zur Realisierung der Fahrradstraßen am 23. Januar 2018 einstimmig an. Bis heute, fast zwei Jahre später, wurde er jedoch noch immer nicht umgesetzt. Denn Bürgermeister und Verwaltung nutzten nicht die Chance, das klare Abstimmungsergebnis für einen Fortschritt in nachhaltiger Mobilität zu nutzen, sondern versuchten in immer neuen Iterationen, die Fahrradstraßen so weit wie möglich zu verhindern. Verbündete fanden sie bei der Verkehrspolizei Herrsching, die in ihren Stellungnahmen allein die Belange des Kraftverkehrs im Auge hat, und beim Verkehrsmanagement des Landkreis STA, welches den Radverkehr üblicherweise dem Linienbusverkehr unterordnet.

So soll nach den letzten uns vorliegenden Informationen die Fahrradstraße Pfarrstadel gar nicht umgesetzt werden, weil dort angeblich eine schwammige Verwaltungsvorschrift zur vorherrschenden Verkehrsart nicht exakt erfüllt sei. Und die Fahrradstraße Bahnhof soll nur teilweise zwischen Einmündung Schulstraße/Bahnhofstraße und Kreuzung Meilinger Weg/Steinebacher Weg realisiert werden. Vom beantragten und beschlossenen Umfang bliebe dann nur gut ein Viertel übrig. Wir setzen darauf, dass unser nächster Bürgermeister für eine vollumfängliche Umsetzung der Fahrradstraßen eintreten wird.

Fahrradabstellanlagen

Auch bei den gemeindlichen Fahrradabstellanlagen gab es im Jahr 2019 keine erkennbaren Fortschritte für Radlerinnen und Radler. Warum der im Oktober 2018 gefasste Gemeinderatsbeschluss zur Errichtung einer Roller- und Fahrradabstellanlage am Grundschulhaus Weßling bis heute nicht realisiert wurde, ist unklar. Aber immerhin gibt es Hinweise dafür, dass die Verwaltung Maßnahmen für die Abstellanlagen am Bahnhof und am Freizeitheim in Hochstadt einleitet.

Radverkehrsführung

In 2019 wurden in Weßling drei Änderungen der Radverkehrsführung eingeführt. Erstens wurde die Vorfahrtsregelung an der Kreuzung Grünsinker Straße/Schulstraße umgekehrt, sodass der Radverkehr in der zukünftigen Fahrradstraße Vorfahrt genießt – angesichts deren schwieriger Geburt ein durchaus beachtlicher Fortschritt. Zweitens wurde im Anschluss an einen Modellversuch in der östlichen Hauptstraße zwischen den Einmündungen Gautinger Straße und Nelkenweg die Radwegbenutzungspflicht aufgehoben (Gehweg mit Zusatzschild Radfahrer frei statt gemeinsamer Geh- und Radweg). Und drittens wurde die Bahnhofstraße zur für den Radverkehr offenen Einbahnstraße erklärt, was wegen der Verhinderung von Kfz-Begegnungsverkehr und deutlich verminderter Dooring-Gefahr durch linksseitige Stellplätze vorteilhaft ist.

Für Kopfschütteln sorgte die erneute Ablehnung einer Rotmarkierung der Radverkehrsfurt an der Einmündung Nelkenweg/Hauptstraße. Dass eine Radverkehrsbeauftragte diese Maßnahme aus den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen offiziell ablehnt, dürfte deutschlandweit einmalig sein. Nun soll wenigstens eine Furtmarkierung durch weiße, unterbrochenen Linien aufgebracht werden.

Sonstiges

Wie in den Vorjahren unterstützte die Mobilitätswende tatkräftig den Lastenpedelec-Verleih der Nachbarschaftshilfe und wirkte im Arbeitskreis mobil & lebenswert mit. In letzterem wurden einige Maßnahmen wie Bordsteinabsenkungen, ein Verkehrsspiegel für die Edeka-Zufahrt oder ungefährlichere Absperrpfosten für den Geh- und Radweg nach Etterschlag erarbeitet, die allerdings ebenfalls noch nicht von der Gemeindeverwaltung umgesetzt wurden. Ein unerwarteter Lichtblick ist die Absicht der Gemeinde Wörthsee, eine Unterführung für den durch die Westumfahrung abgeschnittenen Wirtschaftsweg an der Mitterwiese zu bauen.

Die Torpedierung der Fahrradstraßen und der anderthalbjährige Stillstand bei den anderen offenen Maßnahmen hat dem Engagement in der Mobilitätswende erheblich geschadet und es ist derzeit unklar, ob und wie es weiter geht. Dennoch ist das vergangene Jahr kein verlorenes Jahr, denn durch die Fridays-for-Future-Bewegung und die wirkmächtigen Proteste bei der Internationalen Automobilausstellung ist im Bewusstsein der Masse angekommen, dass die autozentrierte Mobilität von heute weder global gerecht noch nachhaltig – und damit nicht zukunftsfähig ist. Der Wandel ist in den Großstädten bereits im Gange und wird früher oder später auch bei uns nicht länger aufzuhalten sein.

Dritte Verkehrszählung in der Hauptstraße

Zum dritten Mal führte die Mobilitätswende in den beiden Wochen nach den Herbstferien zwei Verkehrszählungen in der Hauptstraße durch. Wie schon 2015 (vor Eröffnung der Westumfahrung) und 2017 (vor durchgehend Tempo 30 zwischen Max-Doerner-Weg und Gautinger Straße) kam das freundlicherweise vom VCD Bayern zur Verfügung gestellte, radarbasierte Verkehrszählgerät Sierzega SR4 zur Verwendung. In den beiden Wochen der Messung herrschte meist trübes Herbstwetter mit Temperaturen zwischen ca. 0° C und 10° C und immer wieder Regen, aber keine winterlichen Straßenverhältnisse.

Messstelle Gasthof Zur Post mit Baustelle

Die erste Zählung auf Höhe des ehemaligen Gasthofs Zur Post wurde vom 4. bis 10. November durchgeführt. Aufgrund einer Verengung durch eine Baustelle etwa 90 m nordöstlich der Messstelle wurden die Ergebnisse möglicherweise wegen Rückstau leicht verfälscht, es gibt aber keine Hinweise auf größere Fehler. Die zweite Zählung wurde wieder auf Höhe des Einrichtungshauses Hof Art vom 11. bis 17. November durchgeführt. Während der Messungen war der Ausbau der A96 zwischen den Anschlussstellen Oberpfaffenhofen und Germering Süd im Gange, und die Westumfahrung Gilching war noch nicht durchgängig freigegeben. Wegen technischer Probleme waren die Geschwindigkeits- und Längenmessungen diesmal leider fehlerbehaftet, die Zählungen jedoch brauchbar.

Da das Verkehrsaufkommen am Wochenende stark vom Wetter abhängt, sind nur die Zählergebnisse an Werktagen aufschlussreich und mit früheren Messungen vergleichbar. Beim Gasthof Zur Post wurden von Montag bis Freitag durchschnittlich 11.524 Kfz gezählt, das sind 9 % weniger als 2017 (12.644) und 33 % weniger als 2015 (17.301). Bei Hof Art lag die mittlere Kfz-Anzahl werktags mit 10.939 um 11 % niedriger als 2017 (12.245) und 34 % niedriger als 2015 (16.561).

Entgegen dem Trend in der Region ist das Kraftverkehrsaufkommen gegenüber der letzten Messung vor zwei Jahren also um etwa 10 % gesunken. Möglichen Ursachen dafür sind eine größere Durchdringung von Navigationsgeräten, deren Daten die Umfahrung beinhalten, eine Deattraktivierung für den Durchgangsverkehr durch mehr Tempo 30, sowie eine erhöhte Nutzung des ausgebauten Linienbusangebots.

Dennoch ist die Hauptstraße weit davon entfernt, eine hohe Aufenthaltsqualität zu bieten. Vielmehr lässt sich täglich beobachten, dass sich Menschen dort nach wie vor so wenig wie möglich aufhalten. Die Gemeinde kann dem wohl am ehesten begegnen, indem sie die existierende Rahmenplanung konsequent umsetzt und selbstbewusst gegenüber den kraftverkehrszentrierten Verkehrsbehörden auftritt. Und natürlich, indem sie die Verkehrswende vor Ort voran bringt.

Parkraum statt Lebensraum?

von Gerhard Hippmann für Unser Dorf heute

„Die Förderung der Motorisierung ist das vom Führer und Reichskanzler gewiesene Ziel.” Dieser denkwürdige Satz leitete die vor 80 Jahren eingeführte Reichsgaragenordnung ein. Mit typisch deutscher Gründlichkeit wurde verordnet, bei der Errichtung von Gebäuden eine bestimmte Mindestanzahl von Kfz-Stellplätzen bereit zu stellen – bei der damaligen geringen Verbreitung von Kraftfahrzeugen eine im Grunde absurde Regelung, die seitdem allerdings eine enorme Wirkung entwickelt hat. Denn Autos können als Verkehrsmittel nur nützlich sein, wenn es an Start- und Zielort einen Parkplatz gibt. Da dieser „Geniestreich” des NS-Regimes im Prinzip bis heute als Teil der Landesbauordnung wirksam ist, konnte die Motorisierung über die vergangenen acht Jahrzehnte in ungeahntem Maße gesteigert werden – der „Führer” wäre entzückt!

Die bayerische Garagen- und Stellplatzverordnung (GaStellV) ist nicht nur einer der wichtigsten Treiber für die noch immer anhaltende Zunahme des Kraftverkehrs, welcher heute allerorts im Großraum München zu den dringendsten kommunalen Problemen zählt. Der vorgeschriebene Bau von Parkgelegenheiten hat auch großen Einfluss auf Raum- und Stadtplanung sowie das Ortsbild. Zersiedelung wird angefacht, und statt architektonisch ansprechender Häuserfassaden dominieren zunehmend Garagen, Carports und Parkplätze das Straßenbild – wollen wir das wirklich?

Im Jahr 2008 erließ die Gemeinde Weßling eine Stellplatzsatzung, die von Bauherren höhere Stellplatzschlüssel als die GaStellV verlangt. Beispielsweise müssen für eine Wohneinheit statt einem je nach Wohnfläche bis zu drei Stellplätze nachgewiesen werden. Dadurch steigen Kosten und Flächenverbrauch, und nicht selten muss Platz für Autos statt Wohnfläche für Menschen geschaffen werden – ist das noch zeitgemäß?

Beispiel in der Schulstraße: Fünf Stellplätze für zwei Autos gemäß Stellplatzsatzung.

In der Regel wird argumentiert, dass die Stellplatzsatzung gebraucht wird, damit die Straßen nicht zugeparkt werden. Aber ist es nicht abwegig, dazu in das Baurecht einzugreifen und flächendeckend in Beton gegossene Kfz-Infrastruktur zu schaffen? Naheliegend wäre es doch, das Parken mit den vorhandenen Mitteln des Straßenverkehrsrechts zu regeln: Parkbeschränkungen und Bewohnerparken ermöglichen viel flexiblere Möglichkeiten, um den Straßenraum im gewünschten Maße autofrei zu halten – mittels Parkverbotszonen und Verkehrsberuhigten Bereichen sogar ganz ohne Schilderwald. Nicht zuletzt kann auf diese Weise der Zweckentfremdung von Garagen als Lagerraum begegnet werden.

Die Gemeinde Weßling kann also mehr und kostengünstigeren Wohnraum ermöglichen, das Ortsbild positiv beeinflussen und die Attraktivität der Autonutzung mindern, einfach indem sie auf die Stellplatzsatzung verzichtet und das Parken im öffentlichen Raum regelt. Oder gar eine neue, modernisierte Stellplatzsatzung mit innovativen Elementen erlässt: Ermäßigungszonen mit reduzierten Stellplatzanforderungen im Bahnhofsumfeld, Mehrfachnutzung von Stellplätzen, Berücksichtigung von Fahrradabstellplätzen sowie die Möglichkeit zur Wandelung von Kfz- zu Fahrradparkraum können die negativen Langzeitfolgen der GaStellV mildern. Dass dies auch ein wirkungsvoller Schritt in Richtung nachhaltige Mobilität wäre, versteht sich von selbst.

Verkehrswende in Zeitlupe

Die Änderung der Vorfahrtsregelung Schulstraße/Grünsinker Straße ist ein Vorbote der Widmung zur Fahrradstraße – und der einzige Verkehrswende-Fortschritt in der Gemeinde seit mehr als einem Jahr.

Als sich die Mobilitätswende Weßling im Herbst 2012 formierte, waren die Begriffe Verkehrswende und Mobilitätswende noch weitgehend unbekannt. Heute ist das Thema ein Dauerbrenner in den Medien. Durch diskursprägende Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion hat sich der Trend in den vergangenen Monaten weiter verstärkt. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass ein weiter so – insbesondere im Mobilitätsbereich – unmöglich ist und die Weichen so schnell wie möglich auf Nachhaltigkeit gestellt werden müssen. Denn der gigantische Ressourcenbedarf, die desaströse Natur- und Umweltbelastung, aber auch die fortschreitende Entwertung des öffentlichen Raums durch massenhafte Kfz-Nutzung sind nicht länger verantwortbar.

Die heutige Situation wurde verursacht durch die große Politik auf Bundes- und Landesebene, in der sich nach wie vor alles und jeder dem Streben nach unendlichem Wirtschaftswachstum unterordnen muss und Konzerninteressen mit höchster Priorität behandelt werden. Das immer wieder offenkundig absurde Agieren des Bundesverkehrsministers in den letzten Monaten lässt weiterhin nicht erwarten, dass sich daran etwas Wesentliches ändern wird. Deshalb kann die Verkehrswende nur auf kommunaler Ebene und durch Verhaltensänderungen von Bürgerinnen und Bürgern Wirklichkeit werden. Die lebenswertesten Metropolen wie Kopenhagen oder Wien führen dies bereits eindrucksvoll vor, aber auch in Berlin und München bewegt sich mittlerweile viel in Richtung nachhaltige Mobilität.

Gebrauchtwagenschau beim Grünsinker Fest: Die Gemeinde lädt weiterhin zur Autonutzung ein.

Wie geht unsere Gemeinde mit dieser Verantwortung um? Rückmeldungen der Bürgerinnen und Bürger und Entscheidungen des Gemeinderats stimmen zunehmend hoffnungsvoll. Aber Bürgermeister und Verwaltung fehlen häufig das Verständnis und die Kompetenz, um Maßnahmen im Sinne der Verkehrswende mit der gebotenen Priorität aufzugreifen und umzusetzen. Dabei werden gerne Bedenkenträger aus gleichermaßen rückwärtsgewandten Behörden wie Landratsamt, Straßenbauamt oder Verkehrspolizei ins Feld geführt.

So kommt es, dass einige der vor einem Jahr hier präsentierten Maßnahmen immer noch nicht realisiert wurden: Die am 23. Januar 2018 vom Gemeinderat beschlossene Einrichtung der Fahrradstraßen steht weiterhin aus. Obwohl für die Erneuerung der Fahrradabstellanlagen am Bahnhof seit etwa einem Jahr aufwändig erarbeitete Konzeptplanungen und umfangreiches Knowhow zur Umsetzung und Förderung vorliegen, sind in diesem Projekt keine Fortschritte erkennbar, und Weßling wird schon bald der letzte S-Bahnhof der südwestlichen S8 mit völlig veralteten Radlständern sein. Und auch die am 23. Oktober 2018 beschlossene Erweiterung der Fahrrad- und Rollerabstellanlage am Schulhaus Weßling steckt noch immer in der Verwaltung fest. In anderen Kommunen unserer Region geht das deutlich einfacher und schneller.

Notwendig ist eine allgemeine Verkehrswende, die Umweltschützer seit mindestens vier Jahrzehnten fordern, weg vom Auto als individuellem Massentransportmittel hin zum Fahrrad, zu Bus, Tram und Bahn, um Ressourcen und Flächen zu sparen und das Klima zu retten. Dazu muss der individuelle Autoverkehr massiv zurückgedrängt und beschränkt werden schreibt Peter Bierl in der Süddeutschen Zeitung. Es ist höchste Zeit, den Zeitlupenmodus zu verlassen und den Weg für nachhaltige Mobilität in der Gemeinde Weßling frei zu machen!