Rückblick auf das siebte Jahr

Wie der folgende Rückblick zeigt, war das verflixte siebte Jahr seit Gründung der Mobilitätswende vor allem durch vergebliche Mühen und wenig Fortschritte für nachhaltige Mobilität in Weßling geprägt.

Mitfahrbänke

Am 5. April organisierte die Mobilitätswende ein VCD Fairkehrsforum zum Thema Mitfahrbänke. Sabine Pittroff von der Initiative mobil-LL stellte das von ihr betreute Projekt am Ammersee-Westufer vor. Aufgrund der überwiegend positiven Resonanz griff UNSER DORF e.V. die Idee auf und stellte im Herbst Mitfahrbänke an drei Standorten in Hochstadt, Oberpfaffenhofen und Weßling auf. Falls diese Bänke angenommen werden, sollen weitere folgen.

Radltag

Am 6. April fand der erste Radltag der Nachbarschaftshilfe statt. Ein Flohmarkt für nicht motorisierte Fahrzeuge und Zubehör, ehrenamtliche Reparateure der Radl Werkstatt und Einweisungen und Probefahrten mit dem Lastenpedelec LaRa 1 kamen bei den recht zahlreichen Gästen gut an.

Sowohl Mitfahrbänke als auch Radltag stellen Projekte dar, die in erfolgreicher Zusammenarbeit mit gemeinnützigen, örtlichen Vereinen verwirklicht wurden. Wir freuen uns über diese Entwicklung und hoffen auf weitere gemeinsame Vorhaben.

Park-Platz statt Parkplatz

Nach der Radldemo im Jahr 2017 initiierte die Mobilitätswende in 2019 weitere Aktivitäten des Aktionsbündnisses Verkehrswende STA, dem der ADFC Kreisverband STA, die Bund Naturschutz Kreisgruppe STA, der Energiewendeverein STA, die Mobilitätswende Weßling, die STAgenda und der VCD Kreisverband FFB-STA angehören. Im Rahmen der Aktionsserie Park-Platz statt Parkplatz fanden Parkplatzbesetzungen in Gilching, Starnberg und Herrsching statt. Wie am internationalen Park(ing) Day machten wir darauf aufmerksam, dass in attraktiven Lagen unserer Kommunen sehr viel wertvoller Straßenraum für Kfz-Parkplätze geopfert wird, und daher nicht für eine Ortsgestaltung mit hoher Aufenthaltsqualität zur Verfügung steht.

Außerdem beleuchtete die Mobilitätswende in einem Artikel für UNSER DORF heute die Auswirkungen von Stellplatzsatzungen kritisch, denn auch durch diese erhält Parkraum für Kraftfahrzeuge den Vorzug gegenüber Lebensraum für Menschen.

STAdtradeln

Beim diesjährigen STAdtradeln mit dem Motto „Cycling for Future” legten 365 Radlerinnen und Radler in 23 Teams insgesamt 79.833 km zurück – für Weßling ein durchschnittliches Ergebnis, welches angesichts des geringen Organisationsaufwands durchaus positiv zu bewerten ist. In der Wertung Kilometer pro Einwohner erzielte die Gemeinde Weßling wie immer mit großem Abstand das beste Ergebnis im Landkreis, ging aber auch bei den absoluten Kilometern deutschlandweit als zweitbeste von 318 Kommunen unter 10.000 Einwohnern hervor. In der Parlamentarierwertung schnitt der Weßlinger Gemeinderat noch schlechter ab als in den Vorjahren und musste erstmalig mit der roten Laterne im Landkreis vorlieb nehmen.

Critical Mass

Die im vorigen Jahr begonnen Critical-Mass-Aktionsserie endeten am 24. Mai wegen eines Unfalls, bei dem ein Radler verletzt wurde. Es ist bittere Ironie, dass diese Aktionsform zur Rückeroberung der Weßlinger Straßen ausgerechnet durch einen rücksichtslosen Kraftfahrer gestoppt wurde.

Radl Werkstatt und Ferienprogramm

Auch in 2019 engagierte sich die Mobilitätswende in der Radl Werkstatt. Die Nachfrage ist außerhalb der Wintermonate nach wie vor hoch, wobei mittlerweile Asylbewerber und Einheimische jeweils in etwa die Hälfte der Gäste ausmachen. Der Kurs Radl reparieren in der Radl Werkstatt im Ferienprogramm der Nachbarschaftshilfe war in diesem Jahr erstmalig ausgebucht.

Verkehrszählung

Zum dritten Mal in sechs Jahren führte die Mobilitätswende Verkehrszählungen in der Hauptstraße durch. Dabei zeigte sich, dass das Kfz-Verkehrsaufkommen gegenüber vor zwei Jahren um etwa 10 % gesunken ist. Dieses Ergebnis ist durchaus überraschend angesichts der immer noch ungebrochenen Zunahme des Kraftverkehrs in der Region – welche freilich nicht zuletzt durch den Bau der Westumfahrungen Weßling, Starnberg und Gilching verursacht wurde.

Fahrradstraßen

Als die Mobilitätswende im September 2017 die Einrichtung zweier Fahrradstraßen in Weßling/Oberpfaffenhofen vorschlug, handelte es sich noch um eine ziemlich progressive Maßnahme mit Seltenheitswert außerhalb von Großstädten. Doch mittlerweile vergeht kaum eine Woche, in der keine neue Fahrradstraße in der Region München beschlossen wird.

Der Weßlinger Gemeinderat nahm den Antrag zur Realisierung der Fahrradstraßen am 23. Januar 2018 einstimmig an. Bis heute, fast zwei Jahre später, wurde er jedoch noch immer nicht umgesetzt. Denn Bürgermeister und Verwaltung nutzten nicht die Chance, das klare Abstimmungsergebnis für einen Fortschritt in nachhaltiger Mobilität zu nutzen, sondern versuchten in immer neuen Iterationen, die Fahrradstraßen so weit wie möglich zu verhindern. Verbündete fanden sie bei der Verkehrspolizei Herrsching, die in ihren Stellungnahmen allein die Belange des Kraftverkehrs im Auge hat, und beim Verkehrsmanagement des Landkreis STA, welches den Radverkehr üblicherweise dem Linienbusverkehr unterordnet.

So soll nach den letzten uns vorliegenden Informationen die Fahrradstraße Pfarrstadel gar nicht umgesetzt werden, weil dort angeblich eine schwammige Verwaltungsvorschrift zur vorherrschenden Verkehrsart nicht exakt erfüllt sei. Und die Fahrradstraße Bahnhof soll nur teilweise zwischen Einmündung Schulstraße/Bahnhofstraße und Kreuzung Meilinger Weg/Steinebacher Weg realisiert werden. Vom beantragten und beschlossenen Umfang bliebe dann nur gut ein Viertel übrig. Wir setzen darauf, dass unser nächster Bürgermeister für eine vollumfängliche Umsetzung der Fahrradstraßen eintreten wird.

Fahrradabstellanlagen

Auch bei den gemeindlichen Fahrradabstellanlagen gab es im Jahr 2019 keine erkennbaren Fortschritte für Radlerinnen und Radler. Warum der im Oktober 2018 gefasste Gemeinderatsbeschluss zur Errichtung einer Roller- und Fahrradabstellanlage am Grundschulhaus Weßling bis heute nicht realisiert wurde, ist unklar. Aber immerhin gibt es Hinweise dafür, dass die Verwaltung Maßnahmen für die Abstellanlagen am Bahnhof und am Freizeitheim in Hochstadt einleitet.

Radverkehrsführung

In 2019 wurden in Weßling drei Änderungen der Radverkehrsführung eingeführt. Erstens wurde die Vorfahrtsregelung an der Kreuzung Grünsinker Straße/Schulstraße umgekehrt, sodass der Radverkehr in der zukünftigen Fahrradstraße Vorfahrt genießt – angesichts deren schwieriger Geburt ein durchaus beachtlicher Fortschritt. Zweitens wurde im Anschluss an einen Modellversuch in der östlichen Hauptstraße zwischen den Einmündungen Gautinger Straße und Nelkenweg die Radwegbenutzungspflicht aufgehoben (Gehweg mit Zusatzschild Radfahrer frei statt gemeinsamer Geh- und Radweg). Und drittens wurde die Bahnhofstraße zur für den Radverkehr offenen Einbahnstraße erklärt, was wegen der Verhinderung von Kfz-Begegnungsverkehr und deutlich verminderter Dooring-Gefahr durch linksseitige Stellplätze vorteilhaft ist.

Für Kopfschütteln sorgte die erneute Ablehnung einer Rotmarkierung der Radverkehrsfurt an der Einmündung Nelkenweg/Hauptstraße. Dass eine Radverkehrsbeauftragte diese Maßnahme aus den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen offiziell ablehnt, dürfte deutschlandweit einmalig sein. Nun soll wenigstens eine Furtmarkierung durch weiße, unterbrochenen Linien aufgebracht werden.

Sonstiges

Wie in den Vorjahren unterstützte die Mobilitätswende tatkräftig den Lastenpedelec-Verleih der Nachbarschaftshilfe und wirkte im Arbeitskreis mobil & lebenswert mit. In letzterem wurden einige Maßnahmen wie Bordsteinabsenkungen, ein Verkehrsspiegel für die Edeka-Zufahrt oder ungefährlichere Absperrpfosten für den Geh- und Radweg nach Etterschlag erarbeitet, die allerdings ebenfalls noch nicht von der Gemeindeverwaltung umgesetzt wurden. Ein unerwarteter Lichtblick ist die Absicht der Gemeinde Wörthsee, eine Unterführung für den durch die Westumfahrung abgeschnittenen Wirtschaftsweg an der Mitterwiese zu bauen.

Die Torpedierung der Fahrradstraßen und der anderthalbjährige Stillstand bei den anderen offenen Maßnahmen hat dem Engagement in der Mobilitätswende erheblich geschadet und es ist derzeit unklar, ob und wie es weiter geht. Dennoch ist das vergangene Jahr kein verlorenes Jahr, denn durch die Fridays-for-Future-Bewegung und die wirkmächtigen Proteste bei der Internationalen Automobilausstellung ist im Bewusstsein der Masse angekommen, dass die autozentrierte Mobilität von heute weder global gerecht noch nachhaltig – und damit nicht zukunftsfähig ist. Der Wandel ist in den Großstädten bereits im Gange und wird früher oder später auch bei uns nicht länger aufzuhalten sein.

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