Die Rückeroberung der Straßen in Weßling

von Gerhard Hippmann für Unser Dorf heute

Seit es Straßen und Plätze in Ortschaften gab, dienten sie als Orte der Begegnung. Der von und für Menschen geschaffene Straßenraum wurde nicht nur zum Gehen und Fahren genutzt, sondern selbstverständlich auch zum Verweilen, für ausgedehnte Gespräche und als Spielplatz für Kinder.

Mit der politisch bis heute massiv geförderten Verfügbarkeit von Kraftfahrzeugen änderte sich die Funktion des Straßenraums innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend. Fußgänger und Radfahrer wurden an den Rand verbannt, und freier Fahrt für freie Kraftfahrer wurde höchste Priorität eingeräumt. Doch diese Entwicklung des öffentlichen Raums zur missgestalteten Todeszone wird von immer mehr Menschen zu Recht in Frage gestellt. Der sich langsam aber sicher durchsetzende Trend zur Rückeroberung der Straßen als Lebensraum wird von Metropolen mit höchster Lebensqualität wie Kopenhagen oder Wien angeführt und ermutigt Kommunen auf der ganzen Welt, die unerträglich gewordenen Gefährdungen und Belästigungen durch hemmungslose Automobilität nicht länger zu akzeptieren.

Auch in unserer Gemeinde hat die Rückeroberung der Straßen längst begonnen. Im Leitbild (Entwicklungsleitlinie 6.1) steht dazu klar und deutlich „nichtmotorisierter Verkehr ist bevorzugt”. Die Umfahrungsstraße wurde mit dem Ziel errichtet, die Hauptstraße als menschlichen Lebensraum zurück zu gewinnen. Außerdem wurde in vielen Gemeindestraßen Tempo 30 angeordnet, um Sicherheit und Aufenthaltsqualität zu verbessern.

Verkehrsberuhigte Bereiche machen Wohnstraßen zu Lebensraum

In Wohnstraßen ermöglicht die StVO mit Verkehrsberuhigten Bereichen (häufig „Spielstraßen” genannt) noch wesentlich weiter gehende Maßnahmen, die der ursprünglichen, menschenfreundlichen Nutzung von Straßen sehr nahe kommen: Hier dürfen sich Fußgänger auf der gesamten Fahrbahnbreite aufhalten und haben Vorrang gegenüber Fahrzeugen, Kinderspiele sind erlaubt, und Schrittgeschwindigkeit darf nicht überschritten werden. Von dieser großartigen Möglichkeit wurde in Weßling bereits im Höhenrainäcker und in Herbststraße/Winterweg Gebrauch gemacht.

Auch die im Januar vom Gemeinderat einstimmig beschlossene Einrichtung zweier Fahrradstraßen belegt eindrucksvoll die Rückeroberung der Straßen in unserer Gemeinde. Denn zweifellos wäre Vorrang für den Radverkehr auf zwei strategisch wichtigen Ortsstraßenzügen noch vor wenigen Jahren nicht mehrheitsfähig gewesen.

Internationales Critical Mass Symbol: Bike fist

Bei fünf Critical-Mass-Aktionen haben in diesem Jahr erstmalig Bürgerinnen und Bürger aus unserer Gemeinde initiativ die Straßen zurück erobert. Critical Mass wurde 1992 in San Francisco erfunden. Seither treffen sich weltweit in vielen Städten monatlich Radler zu gemeinsamen Touren durch ihren Ort und demonstrieren damit für die gleichberechtigte Nutzung des Straßenraums. Hierbei fahren sie gemäß StVO ab 16 Teilnehmern im geschlossenen Verband nebeneinander und gelten somit als ein Fahrzeug.

Mit 29 bis 90 Radlerinnen und Radlern jeden Alters war die Beteiligung ausgesprochen hoch – und die Stimmung freudig und entspannt. Dabei entfaltete die Aktion ihre positive Wirkung weniger durch die Entschleunigung des Kraftverkehrs, sondern viel mehr durch ihren solidarischen und kommunikativen Charakter, der das Bewusstsein für die Rückeroberung der Straßen wirkungsvoll fördert. Wir sind gespannt, ob es im nächsten Jahr wieder Critical Mass in Weßling geben wird…

Die Menschen in den hoch motorisierten Ländern haben sich daran gewöhnt, dass sie in einem von Autofahrern besetzten öffentlichen Raum leben müssen und sich den Bedürfnissen dieser Besatzungsmacht unterzuordnen haben.

Aus dem Buch Stehzeuge von Hermann Knoflacher, 2001.

Highway to Bell

Nach bald zwei Jahren seit Eröffnung der Westumfahrung hat sich bei den meisten Bürgerinnen und Bürgern Ernüchterung breit gemacht, denn der Rückgang der Verkehrsbelastung in der Hauptstraße ist subjektiv kaum wahrnehmbar und nichtmotorisierte Menschen meiden sie nach wie vor so weit wie möglich. Als zweifellos positive Wirkung bleibt allerdings die vom Kfz-Verkehr weitgehend befreite Grünsinker Straße, welche hinter der Grünsinker Kapelle sogar für den Durchgangskraftverkehr gesperrt wurde. Hier haben Fußgänger und Radfahrer die Straße zurück erobert und man kann getrost von einem kleinen Paradies für menschen- und umweltfreundlich mobile Menschen sprechen.

Überdimensionierte Kfz-Straße statt Allee für Fußgänger und Radler

Um die Straße der neuen Nutzung entsprechend umzugestalten, hatten die Ortsgruppe Weßling des Bund Naturschutz und die Mobilitätswende im vorigen Jahr vorgeschlagen, die Straße von derzeit sechs Metern auf ca. vier Meter zu verschmälern und eine Allee zu pflanzen. Bedauerlicherweise wurden beide Ideen von Anrainern und Gemeinderäten abgelehnt. Als Begründung wurden die kostenlose Sanierung der bestehenden Straße durch das Straßenbauamt sowie zu hoher Aufwand durch im Boden verlegte Leitungen genannt. So müsse sich die Gemeinde für Jahrzehnte nicht mehr um die Straße kümmern. Nur in unmittelbarer Nähe der Kapelle wurde eine Umgestaltung der Fahrbahn beschlossen.

Verworfener Beschilderungsvorschlag der Mobilitätswende

Im Juli führte das Straßenbauamt die Sanierung durch. Dabei wurden die geplanten Änderungen allerdings nicht berücksichtigt, weil die Gemeinde keine Haushaltsmittel für die dafür erforderliche Entsorgung des teerhaltigen Asphalts zur Verfügung hatte. Daher führt nun nach wie vor eine sechs Meter breite Landstraße bis zum Beginn des Geh- und Radwegs hinter der Kapelle. Obwohl sie überwiegend von Fußgängern und Radlern benutzt wird, weist sie einen Querschnitt für Verkehrsstärken zwischen 3.000 und 10.000 Kfz/Tag auf und die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt weiterhin 100 km/h. Auch in der Kommunikation kann sich die Gemeindeverwaltung nicht von alten Denkmustern lösen: Während viele andere Kommunen (z. B. Dachau 1, Dachau 2, und Ismaning) längst empfehlen, ihre Veranstaltungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu besuchen, werden die Besucher der Grünsinker Feste weiterhin lediglich auf die gute Erreichbarkeit mit dem Auto hingewiesen.

Grünsinker Kapelle an der erneuerten Asphaltpiste

Bei Außenstehenden kann die völlig überdimensionierte Straße nach Grünsink nur für Kopfschütteln sorgen. Frappierend ist dabei nicht nur das fehlende Gespür für eine ansprechende Gestaltung des Straßenraums mit angemessenen Proportionen, sondern auch die darin zum Ausdruck gebrachte Zukunftsvergessenheit. Denn der Rückbau der ehemaligen Staatsstraße und die aufwändige Entsorgung des giftigen Asphalts wurden ohne Not zukünftigen Generationen aufgebürdet.

Rekordergebnis für Weßling beim STAdtradeln

Historie der Weßlinger STAdtradel-Ergebnisse

Nach rückläufigen Ergebnissen in den beiden Vorjahren erzielten die Weßlinger Radlerinnen und Radler beim diesjährigen STAdtradeln ein Rekordergebnis. 435 aktive Teilnehmer in 28 Teams übertrafen mit 93.374 gefahrenen Kilometern selbst das Resultat aus dem Super-STAdtradeljahr 2013.

Damit belegten sie bei den Gesamtkilometern den dritten Platz im Landkreis hinter den deutlich einwohnerstärkeren Kommunen Starnberg und Gauting. In der Wertung Kilometer pro Einwohner liegt Weßling im Landkreis wie immer mit großem Abstand an der Spitze und deutschlandweit auf Rang sechs von 877 teilnehmenden Kommunen. Ebenfalls rekordverdächtig ist das erneut miserable Abschneiden des Weßlinger Gemeinderats, der durch das schlechteste Ergebnis aller Kommunalparlamente im Landkreis auffiel.

Die unerwartet starke Leistung der Weßlinger kann nicht nur durch die günstige Witterung während des dreiwöchigen Aktionszeitraums erklärt werden, denn in fast allen anderen Landkreiskommunen lief es nicht dermaßen gut. Als entscheidende Leistungsträger stechen erfreulicherweise die vielen Firmenteams hervor. Auch das hervorragende Ergebnis des Teams Die Radelnden Superhelden der Grundschule Weßling und die erstmalige Teilnahme der Freiwilligen Feuerwehr Weßling stechen positiv hervor. Nicht zuletzt könnten aber auch das umfangreiche und vielseitige Programm (inklusive Semmelservice) sowie erkennbare Fortschritte auf dem Weg zur fahrradfreundlichen Gemeinde für besonders hohe Motivation bei den teilnehmenden Radlerinnen und Radlern gesorgt haben.

Wir danken allen Teamkapitänen und Teilnehmern dafür, dass sie die wachsende Bedeutung des Radverkehrs in unserer Gemeinde einmal mehr so eindrucksvoll demonstriert haben. Mit solchem Rückenwind macht der Einsatz für nachhaltige Mobilität in Weßling Sinn und Freude.

Semmelservice

Verwöhnaktion der Mobilitätswende für Weßlings STAdtradler

Wer kennt das nicht? In vielen Urlaubsorten kann man sich jeden Morgen die Frühstückssemmeln an die Tür der Ferienwohnung liefern lassen. Tja, dachte ich mir, das wäre doch auch in Weßling eine tolle Sache, samstags auf diese Weise ein bisschen Urlaubsgefühle zu verbreiten. Und jetzt, wo mit LaRa 1 das geeignete Gefährt dafür bei der Nachbarschaftshilfe bereitsteht, war endlich der Zeitpunkt da, diesen schon lange gehegten Gedanken in die Tat umzusetzen.

LaRa 1 im Semmelservice-Einsatz

Also nahmen wir an allen drei STAdtradel-Samstagen den „Semmelservice“ in die Terminliste des Weßlinger STAdtradelns auf. Zum Start kamen mir unsere beiden Bürgermeister, Michael Muther und Michael Sturm, zu Hilfe. Sie wollten sich gerne bei den STAdtradel-Aktiven für ihr Engagement bedanken und griffen meinen Vorschlag, allen Team-Kapitänen eine prall gefüllte Semmeltüte vor die Haustür zu stellen, begeistert auf. Um 6:30 Uhr ging es los. Den Duft der frisch gebackenen Semmeln in der Nase und erstaunte Blicke einiger Frühaufsteher einheimsend, sauste ich mit LaRa 1 durch den Ort. Es war einfach eine Freude, die Semmeltüten mit einer netten Danke-Karte von der Gemeinde an den vielen Haustüren abzulegen, an die noch schlafenden Bewohner zu denken und sich vorzustellen, wie sie später ihre Semmeln ins Haus holen würden.

Aber dann wurde es spannend. Würden auch Weßlings STAdtradler den Service annehmen? Ein bisschen zögerlich waren sie anfangs schon, aber dann kamen tatsächlich die ersten Bestellungen per E-Mail oder WhatsApp bei mir an. Von „uns war es in der Tat etwas unangenehm diesen Service anzunehmen. Aber gut, damit bewerben wir uns bei Dir!“ bis „Welch geniale Idee!“ reichten die Reaktionen. Die vielen Einladungen zum Kaffee, die mit den Bestellungen verbunden waren, konnte ich leider nicht annehmen – da wären die letzten Kunden ja erst gegen Mittag bedient worden. Über die Danke-Mails und -Fotos habe ich mich aber sehr gefreut.

Semmeln mit Danke-Karte von Bürgermeister Muther

Nach drei Samstagen hatte ich dann schon ein paar Stammkunden. Ob man so einen Service aber auch dauerhaft etablieren könnte? Schließlich setzen sich jeden Samstag und Sonntag ganz viele Menschen ins Auto, um sich Frühstückssemmeln zu holen. Bestimmt ließe sich mit einem Lieferservice so manche Autofahrt vermeiden, oder?

Gerhard Sailer

Der motorisierte Individualverkehr ist nicht nur schlecht für Umwelt und Gesundheit, braucht viel zu viel Platz und fordert zu viele Todesopfer, er ist zudem auch noch das Produkt einer verlogenen und amoralischen Industrie, die ihre Kunden belügt und alle anderen vergiftet.

Aus dem Artikel Radfahren ist mein Gebet von Hannes Leitlein in der Zeit am 22. Juni 2018.

Mangelhaft fahrradfreundlich

Leserbrief zum Beitrag Meldesystem mit Macken in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Juli 2018

Ein funktionierendes Meldesystem für Mängel bei der Fahrradinfrastruktur gehört eigentlich zu den wesentlichen Eigenschaften einer fahrradfreundlichen Kommune. Obwohl der Landkreis als solche zertifiziert ist, weist er bis heute kein entsprechendes System auf. Egal auf welchem Weg man Mängel meldet, man bekommt keine Antwort. In vielen Fällen kümmert sich offensichtlich auch niemand um die Behebung der Mängel. Wie anders ist es zu erklären, dass zum Beispiel am Golfplatz Wörthsee die Radfahrer per grünem Radwegweiser auf die neue, für Radfahrer lebensgefährliche, Umfahrungsstraße von Weßling geschickt werden, anstatt auf den sicheren Radweg, der über Grünsink nach Weßling führt. Der Wegweiser müsste nur um 25 m versetzt werden, was aber seit zwei Jahren trotz zahlreicher Hinweise an das Landratsamt nicht geschieht. Auch mit einem transparenten Mängelmeldesystem, wie dem vom Klimabündnis angebotenem RADar!, wird sich nichts zum Besseren wenden, wenn die zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landratsamtes nicht dazu angehalten werden, Mängelmeldungen ernst zu nehmen und sich unverzüglich darum zu kümmern. Hier sind eindeutig Landrat und Verkehrsmanagerin in der Pflicht!

Gerhard Sailer
Mobilitätswende Weßling