Umgehungsstraße Weßling

Unterbrochener Wirtschaftsweg an der Mitterwiese

Unterbrochener Wirtschaftsweg an der Mitterwiese

Heute wurde die Umfahrung Weßling für den Kfz-Verkehr freigegeben. Eine nach allen Regeln der Ingenieurskunst gestaltete, 3,3 km lange Asphalttrasse verbindet nun die Autobahnausfahrt Wörthsee mit der Staatsstraße 2068 nach Herrsching. Dies führt zu teilweise erheblichen, dauerhaften Einschränkungen für den Fuß- und Radverkehr.

Die einst idyllische Mitterwiese liegt jetzt direkt an der Staatsstraße

Die einst idyllische Mitterwiese liegt jetzt direkt an der Staatsstraße

Besonders schmerzlich ist die Trennung des bei Spaziergängern, Wanderern, Joggern und Radlern beliebten Wirtschaftswegs an der Mitterwiese nach Steinebach. Außerdem ist nun die erholsame Ruhe und Idylle der Mitterwiese durch die unmittelbar angrenzende Kfz-Straße Geschichte.

Laut Planfeststellung hätte die Radverkehrsverbindung nach Etterschlag bzw. Schluifeld ebenso unterbrochen werden sollen. Hier konnte allerdings auf Betreiben der Mobilitätswende eine brauchbare Lösung gefunden werden, die in Richtung Etterschlag sogar eine Verbesserung, nach Schluifeld allerdings einen großen Umweg bedeutet.

Di­let­tan­tische Radverkehrsanlage an der Dellinger Höhe

Di­let­tan­tische Radverkehrsanlage an der Dellinger Höhe

Sehr enttäuschend ist die Ausgestaltung der Geh- und Radwegunterführung am Kreisel zwischen Weßling und Delling. Die Zufahrt aus Richtung Delling ist zu steil und zu kurvig, die Unterführung zu schmal und unübersichtlich. Gemessen an der absoluten Perfektion der neuen Kfz-Trasse ist dieses Bauwerk geradezu di­let­tan­tisch – und eines fahrradfreunlichen Landkreises in keinster Weise würdig.

Obwohl es sich um eine Staatsstraße handelt, werden etwa 2,4 Millionen € (von über zehn Millionen € Gesamtkosten) von der Gemeinde Weßling und der Rest vom Freistaat Bayern bezahlt. Dabei verfolgen die beiden Parteien völlig unterschiedliche Ziele: Während die Gemeinde den Durchgangs-Kfz-Verkehr reduzieren will, nutzt die Staatsregierung die Gelegenheit, im Rahmen ihrer zukunftsblinden Verkehrspolitik das außerordentlich dichte bayerische Straßennetz noch leistungsfähiger zu machen und damit den Kfz-Verkehr zu fördern. Diese im Grunde gegensätzlichen Interessen äußern sich auch darin, dass ernsthaft Kfz-Verkehrsbeschränkende Maßnahmen (z. B. Tempo 30, Durchfahrtverbot für Lkw) auf der Weßlinger Hauptstraße von den durch die Staatsregierung gelenkten Verkehrsbehörden nicht genehmigt werden.

Die Umfahrung wird kurzfristig für eine Reduktion der Kfz-Verkehrsbelastung auf der Hauptstraße sorgen. Wie deutlich diese ausfällt und inwieweit sie durch freie Bahn für den innerörtlichen Verkehr und Steigerung des Gesamtverkehrsaufkommens durch den unablässigen Bau weiterer Straßen und Gewerbegebiete im Landkreis egalisiert wird, ist nicht vorhersehbar. Zu den sicheren Gewinnern zählen jedenfalls Automobil- und Bauindustrie, welche bekanntlich massive Lobbyarbeit für Umfahrungsstraßen betreiben.

Die Mobilitätswende sieht den Bau von Umfahrungen kritisch, weil in hohem Maße Natur und Geld verbraucht wird, um die Symptome des unerträglich gewordenen Kfz-Verkehrs aus dem Blick zu rücken, wobei dieser aber ursächlich gefördert wird. Somit wird das Prinzip global denken, lokal handeln auf den Kopf gestellt und die Verkehrswende als unumgänglicher Teil der Energiewende verzögert.

Auf dem Fahrrad kann der Mensch sich drei- bis viermal schneller fortbewegen als der Fußgänger, doch er verbraucht dabei fünfmal weniger Energie. Auf flacher Straße bewegt er ein Gramm seines Gewichts einen Kilometer weit unter Verausgabung von nur 0,15 Kalorien.

Das Fahrrad ist der perfekte Apparat, der die metabolische Energie des Menschen befähigt, den Bewegungswiderstand zu überwinden. Mit diesem Gerät ausgestattet, übertrifft der Mensch nicht nur die Leistung aller Maschinen, sondern auch die aller Tiere.

Unter allen Fahrzeugen erlaubt nur das Fahrrad dem Menschen wirklich, von Tür zu Tür zu fahren, wann immer, und über den Weg, den er wählt. Der Radfahrer kann neue Ziele seiner Wahl erreichen, ohne daß sein Gefährt einen Raum zerstört, der besser dem Leben dienen könnte.

Fahrräder ermöglichen es dem Menschen, sich schneller fortzubewegen, ohne nennenswerte Mengen von knappem Raum, knapper Energie oder knapper Zeit zu beanspruchen. Er benötigt weniger Stunden pro Kilometer und reist doch mehr Kilometer im Jahr. Er kann den Nutzen technologischer Errungenschaften genießen, ohne die Pläne, die Energie oder den Raum anderer übermäßig zu beanspruchen. Er wird Herr seiner Bewegung, ohne die seiner Mitmenschen wesentlich zu beeinträchtigen. Sein neues Werkzeug schafft nur solche Bedürfnisse, die es auch befriedigen kann. Jede Steigerung der motorisierten Beschleunigung schafft neue Ansprüche an Raum und Zeit. Die Verwendung des Fahrrads beschränkt sich von selbst.

Aus dem Narrenlob des Fahrrads im Essay Energie und Gerechtigkeit von Ivan Illich, 1973.

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Geh- und Radweg nach Etterschlag fertiggestellt

Der hartnäckige Einsatz der Mobilitätswende für eine sichere und alltagstaugliche Radverkehrsverbindung zwischen Weßling und Etterschlag ist von Erfolg gekrönt: Nun steht ein neuer Geh- und Radweg zur Verfügung, der die in Zukunft für den Kfz-Durchgangsverkehr gesperrte Grünsinker Straße mit dem Wirtschaftsweg entlang der Autobahn 96 verbindet. So können Radler und Wanderer die Unterführung an der Autobahnauffahrt Wörthsee nutzen, um ohne lebensgefährliche Überquerung der Westumfahrung nach Schluifeld oder Etterschlag zu gelangen.

Südliche Zufahrt des neuen Geh- und Radwegs

Südliche Zufahrt des neuen Geh- und Radwegs

Der Fuß- und Radverkehr war bei der Planung der Umgehung nicht einfach vergessen worden. Vielmehr wurde in der Planfeststellung bewusst entschieden, dass Radler von der Einmündung Grünsink bis zur Abfahrt Schluifeld (etwa 130 m) die Staatsstraße benutzen und als Linksabbieger verlassen sollen – eine extrem gefährliche und absolut inakzeptable „Lösung”.

Die nun realisierte Trasse stellt eine der drei im letzten Jahr von der Mobilitätswende vorgestellten Möglichkeiten dar. Wie erwartet scheiterte die favorisierte Variante, eine Brücke zur Überquerung der Umfahrung, an der bereits erfolgten Planfeststellung und an den Kosten. Doch immerhin konnte der zweitbeste Vorschlag rechtzeitig umgesetzt werden.

Blick vom höchsten Punkt nach Norden

Blick vom höchsten Punkt nach Norden

Die Radverkehrsverbindung nach Etterschlag und damit auch der Ammersee-Radweg und das Kreisradwanderweg-Netz werden somit sogar sicherer und attraktiver, weil es auf der Grünsinker Straße keinen Kfz-Durchgangsverkehr mehr geben wird. Aber nach Schluifeld bedeutet die neue Wegführung einen Umweg von etwa 690 m, der wahrscheinlich einen Teil der Fußgänger und Radler veranlassen wird, den kürzeren, lebensgefährlichen Weg über die Umfahrung zu nehmen.

Erhöhte Trassierung zur Vermeidung „verlorener Steigungen”

Erhöhte Trassierung zur Vermeidung „verlorener Steigungen”

Das Höhenprofil der ursprünglichen Planung des neuen, ca. 290 m langen Geh- und Radwegs ließ zunächst stark zu wünschen übrig, weil es viele „verlorene Steigungen” enthielt. Die Mobilitätswende machte wiederholt darauf aufmerksam und konnte so erreichen, dass die vertikale Trassierung entschärft wurde, indem sie am nördlichen Ende auf die Höhe der Einmündung in den Wirtschaftsweg erhöht, und an der höchsten Stelle um etwa 1,5 Meter abgeflacht wurde. Nun ist der Höhenverlauf im Vergleich zur nebenan verlaufenden Straße zwar immer noch eine Farce, aber immerhin für untrainierte Radlerinnen und Radler ohne abzusteigen fahrbar.

Unser Bürgermeister Michael Muther und alle anderen an den Entscheidungen und der Umsetzung Beteiligten haben sich für ihre schnelle und unbürokratische Vorgehensweise ein dickes Lob verdient! Die alltagstaugliche Radwegverbindung ist allerdings noch nicht ganz in trockenen Tüchern, weil noch nicht endgültig über den teilweisen Erhalt (min. 2,5 Meter Breite) der Asphaltierung der Straße zwischen Grünsink und der Umfahrung entschieden wurde. Aber auch hier deutet sich erfreulicherweise ein positiver Beschluss an.

Wer auf einem Planeten, auf dem alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert, Anbauflächen für Nahrung ihrem Zweck entfrendet und Lebensmittel als Kraftstoff verbrennt, begeht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Aus dem Buch Wir lassen sie verhungern von Jean Ziegler, 2011.

Stummer Schrei nach friedlichen Straßen

Bei einer Rundfahrt durch die Weßlinger Ortsteile entdeckte die Mobilitätswende 29 inoffizielle (straßenverkehrsrechtlich nicht maßgebliche) Beschilderungen, die Kraftfahrer zu erhöhter Aufmerksamkeit und reduzierter Fahrgeschwindigkeit motivieren sollen. Alle Schilder berufen sich auf Kinder, für die sich der Kfz-Verkehr in besonders hohem Maße lebensbedrohlich und bewegungseinschränkend darstellt. Diese Problematik wird offenbar vielen Eltern bewusst, sobald der eigene Nachwuchs beginnt, sich selbständig fortzubewegen.

Polizei, Verkehrswacht und Autoclubs wollen Kinder so früh wie möglich durch Verkehrserziehung an die bestehenden Verkehrsverhältnisse, nach denen möglichst ungehinderter Kraftverkehr höchste Priorität genießt, anpassen. Ziel ist es (oft unbewusst), die offenbar auch in Weßling immer lauter werdenden Forderungen nach menschenfreundlicher Gestaltung des öffentlichen Raums weiterhin zu marginalisieren, sodass auch in Zukunft freie Fahrt für freie Kraftfahrer gewährleistet werden kann.

Die Mobilitätswende sieht Verkehrserziehung daher kritisch und setzt sich für Maßnahmen ein, die den Kfz-Verkehr beschränken und lokale Mobilitätsgerechtigkeit für Kinder, Senioren, Behinderte, Fußgänger und Radfahrer stärken:

In der Gemeinde Weßling, wo es mehr Kfz als volljährige Einwohner gibt, ist das ein Kampf gegen Windmühlen – aber der Wind dreht sich!

Das „Elektro“-Label wird zum Freibrief für fast alles, dessentwegen Autos zu Recht in Verruf sind. „Elektro“ wird Alibi für generelles „Weiter so“, gerichtet nicht nur gegen die überfällige Verringerung des Autoverkehrs, sondern auch gegen eine nachhaltige Mobilität des Miteinander.

Aus dem Beitrag Liegt die Zukunft in Elektro-Sauriern? von Helmut Holzapfel und Wolfgang Lohbeck auf Postwachstum.de am 21. September 2016.

Verkehrsberuhigung zum Mitmachen

von Gerhard Hippmann für Unser Dorf heute

Autolärmflagge

Autolärmflagge

Im kommenden Herbst wird die Westumfahrung eröffnet. In seiner Verkehrsuntersuchung aus dem Jahr 2008 prognostiziert Prof. Kurzak eine restliche Verkehrsbelastung von täglich 9.500 Kraftfahrzeugen auf der Hauptstraße. Das ist dreimal so hoch wie heute auf der Gautinger Straße – zu viel für eine wesentlich verbesserte Nutzbarkeit des Straßenraums (flanierende und verweilende Fußgänger, radelnde Kinder u. s. w.). Kurzak geht in seiner Prognose davon aus, dass die Umgehung gut angenommen wird und nur 700 Fahrzeuge Durchgangsverkehr verbleiben. Demnach müssen wir mit einer hausgemachten Verkehrsbelastung von ca. 8.800 Kfz am Tag rechnen.

Wir werden es also im Wesentlichen selbst in der Hand haben, ob die lang ersehnte Verkehrsberuhigung im Ort gelingt. Die Entscheidung über ein lebenswertes Weßling wird durch tägliche Abstimmung mit unserer Verkehrsmittelwahl gefällt.

Die Voraussetzungen sind eigentlich günstig: Die Gemeinde ist mittlerweile bestens an das öffentliche Personenverkehrsnetz angeschlossen, und alle möglichen innerörtlichen Wege sind so kurz, dass sie von den deutschen Stadtradelmeistern schnell und mühelos mit Fahrrad oder Pedelec zurückgelegt werden können. Der Umstieg zu sanfter Mobilität wird erheblich erleichtert durch technische Entwicklungen wie Smartphone-Apps für multimodale Mobilität, Fahrradanhänger und Lastenräder, LED-Beleuchtung und Spikereifen für Fahrräder und schicke Funktionsbekleidung für jede Witterung. Dennoch wird es sicherlich schwierig werden, bewusst und solidarisch die liebe Gewohnheit und den inneren Schweinehund mehrheitlich zu überwinden und die Autonutzung zu reduzieren.

mobil & lebenswert

Der Weg zu mitbürger- und umweltfreundlicher Mobilität soll aber nicht allein vom guten Willen der Bürgerinnen und Bürger abhängen. Ein außerordentlich breites Bündnis aus Vertretern von ADFC, Bund Naturschutz, Mobilitätswende, Ortsbildbeirat, SoKo, Unser Dorf, VCD, Verkehrsberuhigungsverein und allen Gemeinderatsfraktionen hat im Mai einen öffentlich tagenden Arbeitskreis gegründet, der das neue Langzeitprojekt „mobil & lebenswert” voran bringen will. Ziel ist es, Maßnahmen und Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, die alle Ortsteile unserer Gemeinde mobil und lebenswert machen.

STAdtradeln leicht rückläufig

Historie der Weßlinger STAdtradel-Ergebnisse

Historie der Weßlinger STAdtradel-Ergebnisse

Die Gemeinde Weßling hat dieses Jahr zum sechsten Mal am STAdtradeln teilgenommen. Im dreiwöchigen Aktionszeitraum vom 19. Juni bis 9. Juli haben 344 aktive Radlerinnen und Radler in 23 Teams 69.243 km zurückgelegt. Während die bundesweite Aktion Stadtradeln weiterhin stark wächst, sind die Teilnehmer- und Kilometerzahlen in Weßling wie fast im gesamten Landkreis STA leicht rückläufig. Dabei spielten sicherlich das übermächtige Fußballfieber und das durchwachsene Wetter in den ersten beiden Wochen eine Rolle, es ist aber auch eine gewisse STAdtradel-Müdigkeit sowohl bei den Radlerinnen und Radlern, als auch bei den Koordinatoren und Teamkapitänen erkennbar. Und so ist Weßling in der Bundeswertung Fahrradaktivste Kommune mit den meisten Radlkilometern pro EinwohnerIn mit 12,98 km erstmalig nicht unter den ersten drei, aber weiterhin mit Abstand führend im Landkreis.

In diesem Jahr hatte der Landkreis einen Preis von 2.000 € für die Kommune mit dem besten Ergebnis in der Wertung Fahrradaktivstes Kommunalparlament ausgelobt. Während in der Siegergemeinde Inning alle(!) Gemeinderäte mitmachten, ließen sich leider 14 der 21 Räte aus Weßling trotz freundlicher Aufforderung auch dieses Jahr nicht dazu bewegen, mit ihrer Teilnahme am STAdtradeln ein Zeichen für umwelt- und mitbürgerfreundliche Mobilität zu setzen – das ist entäuschend für die vielen ehrenamtlich tätigen STAdtradel-Engagierten im Ort. Allen STAdtradelverweigerern und –kritikern ist übrigens gemein, dass sie keinen konstruktiven Vorschlag für eine wirkungsvollere Aktion zur Förderung des Radfahrens haben.

Aber nach dem STAdtradeln ist vor dem STAdtradeln. Im kommenden Jahr werden die Karten neu gemischt und es besteht die Chance, mit neuen Ideen und Impulsen zu alter Stärke zurückzufinden. Der Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters und die immer deutlicher erkennbare Zukunftsunfähigkeit der totalen Autogesellschaft werden den Zielen des STAdtradelns langfristig zum Durchbruch verhelfen – ganz unabhängig vom guten Willen der Weßlinger Gemeinderäte.

In der Postmoderne steht ein Auto nicht mehr für Prestige, sondern für Provinzialität und Abhängigkeit, während das Fahrrad ein Symbol ist für Jugendlichkeit und Flexibilität.

Aus dem Artikel Der Straßenkampf von Charlotte Parnack auf Zeit Online am 17. September 2015.